Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1895)
- Date
- 1895-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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125 Nur ein Geschlecht, zäher und hartnäckiger als die Hussitensöhne und die mährischen Brüder, reizte die Bekehrungslust des Jesuitenordens ohne Aufhören, das waren die Juden. Seit den Kreuzzügen trachtete die sinkende Kirche und die Habgier des Stadtpöbels diesen Finanzleuten des Mittelalters nach Gold, Glauben und Leben. Was noch heut als Sage unter den Einfältigen umherläuft, wurde schon damals gegen sie vorgebracht. Sie. sollten die Brunnen vergiften, und die Pest herbeiführen, sie sollten Christenkinder ermorden und ihr Blut am Passahfeste gebrauchen, ihr Herz genießen: sie sollten geweihte Hostien mit Ruten peitschen u. s >w. Fast periodisch sind die Verfolgungen, Plünderung der Häuser und massenhaftes Hinschlachten. Durch Waffen, Qualen, Gefängnis wurde ihnen das Christentum aufgedrängt, in der Regel vergebens. Kein streitbares Volk hat heldenmütiger roher Gewalt widerstanden als diese Waffenlosen. Die großartigsten Beispiele von beharrlichem Heldenmut werden selbst von christlichen Erzählern berichtet. So ging es dnrch das ganze Mittelalter, auch noch im sechszehnten Jahrhundert suchten die Landesherren leere Kassen aus dem Beutel der Juden zu füllen, noch immer stürmte der Pöbel ihre Häuser, so ltill in dem wilden Judenaufstand zu Frankfurt am Main! Einige große Gelehrte, Ärzte, Naturkundige erlangten ein Ansehen, welches durch alle Länder Europa's ging, selbst den Christen widerwillige Achtung einflößte, aber das waren seltene Ausnahmen. Unter diesen Gegensätzen zog sich die unzerstörbare Lebenskraft dieses Volkes in die Form, welche den Juden bis heut geblieben ist. Vom Kaiserrecht privilegirt, vor dem Landrecht hülflos, unentbehrlich und tiefverhaßt, begehrt und verflucht, iu täglicher Gefahr des Feuers, Raubes, Mordes und wieder der stille Herr über Habe und Wohlfahrt von Hunderten, in unnatürlich abenteuerlicher Stellung und doch in durchaus nüchterner Thätigkeit, mitten unter den dichtesten Schaaren der Christen, und doch durch eherne Schranken von ihnen getrennt, lebten sie ein zweifaches Leben. Aller Stolz edlen Blutes, großen Reichtums, hoher Talente, die volle Glut südlicher Empfindungen, jede holde und jede dunkle Leidenschaft umschloß das Haus, die Familie, die Gemeinde; vor den Christen waren sie kalt, zähe, und geduldig, furchtsam, kriechend, und lauernd, gebeugt unter tausendjährigem Druck. Bei den deutschen Beamtendespotien, welche sich seit dem dreißigjährigen Kriege ausbildeten, fanden die Juden kaum größeren Schutz vor der Wut der Menge, und ihre geistlichen Anfechtungen wurden fast ärger. Wenn der Protestantismus, damals schwach und verkümmert, sie mehr durch abstoßenden Hochmut, als durch seine Bekehrungskünste kränkte, war die alte Kirche desto eifriger zu taufen. Dagegen gedieh ihnen Händel und Erwerb, ja seit dem westphälischen Frieden war für sie eine glänzende Zeit gekommen. Die Verminderung des internationalen Großhandels, der Ruin alter Handelshäuser zu Nürnberg und