Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1895)
- Date
- 1895-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Den siechen Kindern wird die ihnen gegenwärtig fehlende besondere Fürsorge gewidmet werden müssen. Unserem Siechenhause und unserer Altersversorgungsanstalt soll, wie bisher, das Interesse unserer Gemeinde zugewendet bleiben. Auf dem Gebiete der Armenpflege streben wir möglichste Centralisation an, daneben neue Einrichtungen, die arbeitsfähigen Armen die Möglichkeit der Arbeit schaffen, namentlich auch die von ihnen längst gewünschten Pflegestätten zur Unterbringung ihrer Kinder während der Arbeitszeit. Die Finanzwirtschaft der Gemeinde sei nicht engherzig; aber mit verständiger Sparsamkeit geführt. Mit Nachdruck fordern wir, daß Alle, die gesetzlich zur Steuerleistung verpflichtet sind, auch dazu herangezogen werden. Als Kandidaten für die Repräsentantenversammluug werden wir nur solche Vertreter unserer religiösen Richtung aufstellen, die eines solchen Ehrenamtes würdig, aber auch entschlossen sind, ihre Pflichten voll zu erfüllen. Müssen doch in der Repräsentantenversammlung schwierige Fragen der Verwaltung sachverständig entschieden, ernste dauernde Arbeiten opferfreudig geleistet werden. Dies das Programm unseres Vereins, für das wir Ihre Zustimmung und Mitwirkung erbitten/ Unser Verein steht im Zeichen der Treue: der treuen Fürsorge für unsere Gemeinde, der Treue für unfern Glauben, der Treue für die Ideale der Menschlichkeit und des religiösen Fortschritts, der Treue für unser deutsches Volk und Vaterland. Mögen uns geringe Meinungsverschiedenheiten kein Mitglied, keinen Mitarbeiter fernhalten. Wer die Gefahr vermieden wissen will, daß die Berliner jüdische Gemeinde in dev Tagen des Antisemitismus im Geiste des Gewissenzwangs verwaltet werde, schließe sich uns an. Gustav Ireytag über die Juden?) Am 30 April starb in Wiesbaden Gustav Freytag. Wir lassen hier aus dem dritten Bande seiner „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" in welchen er Zustände zur und nach der Zeit des dreißigjährigen Krieges gezeichnet, seine Schilderung über die Bedeutung der Inden in jener Zeit folgen: *) In seinem Roman „SollundHaben" ist Freytag den Juden allerdings nicht wohlgesinnt, aber seit der Zeit der Judenhetze war er der ersten einer auf dem Kampfplatze für dieselben. Er heiratete eine Jüdin und ließ sogar seinem Stiefsohn jüdischen Religionsunterricht erteilen. Bekannt ist seine Pfingstbetrachtung 1893, in welcher der Dichter gegen den Antisemitismus aufgetreten, und mit der Hoffnung schließt, daß unsere Nachkommen des HafleS zwischen Konfessionen dereinst lächelnd wie einer alten geschichtlichen Sage gedenken'werden.