Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1895)
- Date
- 1895-06-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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und darum auch mit rechter Erbauung teilnehmen können. Was unsere Vorfahren schon vor Jahrtausenden notwendig fanden: der Gottesdienst in der Landessprache, kann heute keine verderbliche Neuerung sein! Unsere Losung in allen Fragen des Kultus ist: wie wir keinen Gewissenzwang üben wollen, so werden wir auch keinen Gewissenszwang dulden! Von größter Wichtigkeit ist uns der Religionsunterricht unserer Jugend. Die erhabenen Erinnerungen unserer Geschichte, die großen sittlichen Gebote unseres Glaubens müssen unseren Kindern in wärmster, eindringlichster Weise mitgeteilt werden. Mit Verständnis und echter Pietät wird dabei zu scheiden sein, was an den Vorschriften rein formal ist oder nur auf das ehemalige Volksbewußtsein Bezug hat, und was für das religiöse Bewußtsein wichtig und wesentlich ist. Dies religiöse Bewußtsein tief und unlöschbar in die jungen Herzen einzugraben, muß unsere wichtigste Aufgabe sein; besser als behördlicher Zwang verbürgt uns die Einrichtung eines solchen Unterrichts unsere Zukunft! Wir empfinden die Bedrängnisse der Gegenwart als ungerecht und erhoffen eine lichtere Zukunft für unsere Kinder; aber wenn es auch ihnen beschieden sein sollte, um des Glaubens willen zu leiden, so werden wir ihnen die trostvolle Erkenntniß einprägen, daß es ein köstliches, unsterbliches Gut ist, um dessenwillen sie leiden. Wir wollen unsere Kinder in deni Geiste erziehen, der uns selbst erfüllt: der Liebe zu unserem Glauben, der Liebe zu unserem deutschen Volke. Sie sollen bleiben, was wir sind: Deutsche nicht bloß nach Sprache und Bildung, geschweige denn gar nur nach dem bestehenden Recht, sondern auch Deutsche der Empfindung nach. Darum erachten wir es als eine unabweisbare Pflicht unserer Gemeinde, jedem Versuch, die Echtheit dieser Empfindling zu verdächtigen, jedem Angriff auf lmsere bürgerliche Gleichstellung thatkräftig eiltgegenzutreten und die Bestrebungen berechtigter Abwehr zu fördern. Wir wünschen, daß unsere Gemeinde die Wissenschaft des Judentums unterstütze. Wir sind namentlich für den würdigen Ausbau der bestehenden Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zu einer Hochschule unter Mitwirkung der Hauptgemeinden Deutschlands und möchten unserer Gemeinde die Initiative zu diesem großen und segensreichen Unternehmen gewahrt wissen. Für wünschenslvert halten wir auf gleicher Grundlage auch die Fortbildung der Lehrer-Seminare und die Errichtung einer Ausbildungsanstalt für Kantoren. Wir wünschen die würdige Erhaltung und Entwickelung unserer humanitären Einrichtungen. Unser Krankenhaus muß auf der Höhe der modernen Wissenschaft und Humanität erhalten bleiben. Volle Aufmerksamkeit wünschen wir der Waisenpflege zugewendet; wir streben möglichste Durchführung der Waisenpflege an und verlangen namentlich auch frühe und sorgfältige Berücksichtigung des künftigen Berufs und der voraussichtlichen sozialen Stellung der Kinder.