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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-06-01 · Heft 6 (1.6.1895) · p. Seite 122

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 6 (1.6.1895)
Date
1895-06-01
Page
Seite 122 (sequence 2)
Language
German
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Diese Folgen treten sehr verschieden in die Erscheinung. Während die Einen das häßliche Schauspiel des Abfalls bieten, die Anderen in stumpfe Gleichgiltigkeit verfallen, suchen Dritte das Heil in der Rückkehr zu starren Frommen oder gar zu national-jüdischen Ideen. Wir erleben heute, was die Geschichte so klar aufzeigt: daß in Zeiten äußerer Bedrängnis stets Abfall und Zelotentum gleichzeitig ihr Haupt erheben. Aber die Geschichte lehrt uns auch das Heilmittel dagegen erkennen: die Stärkung des religiösen Sinns durch neue innerliche Impulse, die dann auch den Formen wieder den rechten lebensvollen Inhalt geben. Die Kultur-Entwicklung im deutschen Judentum, wie sie Mendelssohn angeregt, die religiöse Entwicklung, wie sie Zunz und Geiger gefördert, dürfen jetzt weniger denn je ins Stocken kommen. Aber was wir wollen ist nicht gewaltsame Umgestaltung, sondern friedliche Entwicklung, die zuletzt immer geeinigt, noch niemals getrennt hat. Wir stehen auf dem geschichtlichen Boden unseres Glaubens; wir halten nicht blos seinen idealen Kern, sondern auch seine wesentlichen Formen hoch, aber eben darum wollen wir diese Formen weiter entwickelt wissen, damit' sie nicht zu leeren Formen werden, sondern bleiben, was sie immer gewesen: der dem jeweiligen Kulturstand entsprechende gemeinsame Ausdruck religiösen Empfindens. Vor Allem in Berlin sind von jeher die geistigen Kämpfe des deutschen Judentums ausgefochten worden. Wir wollen unserer Väter nicht unwürdig werden. Wer mit uns der Überzeugung ist, daß die Förderung unserer religiösen Entwickelung gerade in diesen traurigen Tagen in Berlin nicht länger einer Pflege - stätte entbehren darf, geselle sich zu uns! Aber auch eine nächste dringliche Veranlassung hat zur Begründung unseres Vereins geführt. Im Herbst dieses Jahres finden die Wahlen zur Repräsentanten-Versammlung statt. Schon heute haben die Liberalen dort kaum noch eine Mehrheit! Die Gefahr, daß die bedeutendste Gemeinde Deutschlands auf Jahre hinaus als Versuchsplatz reaktionärer Bestrebungen auf allen Gebieten unseres religiösen Lebens diene, ist eine brennende geworden! So entrollen wir denn die Fahne des religiösen Fortschritts im Judentum. Liberale nicht blos dem Namen, sondern auch der Überzeugung nach, wollen wir niemals Gewissenszwang üben. Unseren Glaubensbrüdern, die einen anderen religiösen Standpunkt einnehmen, sei die Erhaltung von Einrichtungen, welche diesem Standpunkt entsprechen, gern zugestanden, aber das Schlagwort der „Gleichberechtigung" darf nicht mehr, wie in letzter Zeit, dahin verstanden werden, daß nur jede Forderung der ortodoxen oder scheinortodoxen Minderheit erfüllt werde — Gleichberechtigung auch für uns, die große liberale Mehrheit der Gemeinde! Noch entbehrt die Gemeinde eines Gotteshauses mit vorwiegend deutschem Gottesdienst, an dem Alle, namentlich unsere Frauen und Kinder, mit vollem Verständnis

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