Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1895)
- Date
- 1895-05-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 Ludwigshafen wollten. „Was die wollen? Vierzig Mark wollen sie." Nun war ich so klug wie zuvor; ich sah ihn darum fragend an. „Sehen Sie", fuhr mein Gewährsmann fort, „heutzutage ist alles Geschäft und nicht die schlechtesten Geschäftsleute sind unsere orthodoxen Rabbiner. Da ist drüben in Ludwigshafen die Walzenmühle der Firma Kaufmann, Straus»L Cie., welche schon seit Jahren sich mit der Fabrikation von Mazzothmehl befaßt. Alljährlich nun an-einem von der Firma bestimmten Tage versammeln sich etwa ein Dutzend orthodoxer Rabbiner in der Mühle, um dieselbe in Augenschein zu nehmen, ob auch alles genau gereinigt, jedes Stäubchen aus der Mühle entfernt sei, ob die Geräte, Beuteltuch u. s. w. für Pesach geeignet seien." „Ja," sagte ich, „das kann aber doch ein Rabbiner besorgen, wozu dieses große Aufgebot, wozu so viele Rabbiner bemühen?" „£>," erwiderte mir mein Gegenüber mit lustig zwinkernden Augen, „wie naiv sind Sie! Da sitzt ja gerade der Hase im Pfeffer. Die orthodoxen Rabbiner in weitem Umkreise um Ludwigshafen reißen sich förmlich darum, an der Mühlenbesichtigung teilzunehmen, weil ihnen dieselbe, wenn ich recht unterrichtet bin, je 40 Mark einbringt. Auch wenn nur ein Mazzothbäcker im Bezirke eines solchen Rabbiners sich befindet, so erhebt er doch den Anspruch, sich durch diese Besichtigung auch seine 40 Mark zu holen. Gute Geschäftsleute sind's sage ich Ihnen, gute Geschäftsleute." Jetzt begriff ich. — Ich hatte noch Geschäfte zu erledigen und fuhr dann heimwärts. In meinem 6onpö saßen zwei der Schwarzröcke; sie waren fröhlich und guter Dinge und lachten viel, sie lachten wie — Augurn. — Am nächsten Samstag ging ich wie gewöhnlich nach Minchoh zu unserem Rabbiner (nebenbei gesagt auch keiner von den Unfrommen) um das gemeinschaftlich gehaltene jüdische Blatt zu lesen und hierbei die übliche Schabbosplauderei zu verüben. Ich erzählte ihm auch mein Ludwigshafener Begegnis und fragte ihn, warum er nicht auch mit nach Ludwigshafen gehe, um die 40 Mark zu verdienen. „Das sagen Sie mir! Ich hätte doch erwarten dürfen, daß Sie mich mit jenen Herrn nicht in einen Topf werfen. Wer bezahlt denn die 40 M.? Die Mühlenbesitzer oder die Consumenten? Natürlich doch die letzteren; und ich sollte unnötigerweise Mitwirken, die Mazzoth zu verteuern, deren Anschaffung den weniger Bemittelten ohne dies genug zu schaffen macht! Und wenn die Mazzoth um so und so viel mal 40 Mark verteuert werden, und Einer oder der Andere, der in Bezug auf religiöse Gebräuche nicht mehr ganz bombenfest, itt Folge dessen gar keine Mazzoth mehr kauft, soll ich es verschuldet haben? Nein, Die wissen, daß ich eine große Familie habe und verdienen muß, aber auf diese Weise? Da sei Gott vor!" Der treffliche Mann hatte in heftiger Erregung gesprochen; man merkte, daß er sich schämte, unter seinen Collegen solche Geschäftsleute zu haben. Und ich? Ich dachte noch weiter, was werden denn einfache Menschen zu solchen Verdiensten ihrer Rabbiner sagen? Welche Ach-