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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-05-01 · Heft 5 (1.5.1895) · p. Seite 99

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 5 (1.5.1895)
Date
1895-05-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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m In Babylon, wo die Israeliten in Exile weilten, war die Kenntnis der Thora, der religiösen Wissenschaften aus ihrer Mitte gänzlich geschwunden. Sie suchten sich mit den Babyloniern und später mit den Persern zu amalgamiren, buhlten um die Gunst ihrer Feinde und glaubten, sich dieselbe dadurch zu erwerben, daß sie ihre eigene Religion, ihre Traditionen, Sitten, Formen und Bräuche verleugneten, alles sorgfältig vermieden, was geeignet war, ihre Herkunft und Abstammung zu verraten, während sie den babylonischen und persischen Sitten und Bräuchen huldigten. Was Wunder also, daß die herrlichen und erhabenen Lehren der Thora gänzlich vergessen wurden. Daß diese Selbstverleugnung traurige Folgen für sie hatte, lehrt die Geschichte Hamans, der den Moment umsomehr für geeignet hielt, sein sich vorgestecktes Ziel, die Vernichtung Israels erreichen zu können, als er mit Bestimmtheit darauf rechnete, daß in Israel, aus dessen Mitte die Kenntnis der Thora gänzlich geschwunden, niemand im Stande sein werde, seine lügenhaften Verleumdungen und falschen Behauptungen gründlich zu widerlegen.' Aber in der Haupt- und Residenzstadt Susan, so erzählt die Geschichte, lebte damals ein Jude, der sein Judentuni nicht nur nicht verleugnete, sondern es offen zur Schau getragen, sich stolz einen Juden genannt, der seinen Namen nicht verändert und seine Herkunft nicht verleugnet hatte; ein Mann, der sich nicht nur durch gründliche Gelehrsamkeit, hervorragendes Wissen und vielseitige Bildung sondern auch durch Charaktergröße, Biedersinn, Seelenadel, Herzensgüte, Bescheidenheit, Demut, Sanftnmt und Selbstbewußtsein auszeichnete und Hamans Pläne vereitelte. Als nun später die Exulanten die Erlaubnis erhielten, in ihr Vaterland wieder zurückzukehren, war der Schriftgelehrte Esra vor Allem bestrebt, sie für den Glauben der Väter, für die Thora zu erwärmen und zu begeistern. Er hielt in Gegenwart des ganzen Volkes eine Vorlesung aus der Thora, trug ihnen nicht nur die Glaubens- und Sittenlehre, nicht nur die Gesetze der Humanität, der allgemeinen Menschenliebe und Menschenverbrüderung, sondern auch, die auf die Hygiene der Wohnung, Kleidung, Nahrung, Reinheit und auf die ganze Lebensweise Bezug habenden Vorschriften und Satzungen vor. Bei dieser Gelegenheit erführen sie, daß die Thora, deren Inhalt sie nicht inehr kannten, Gesetze enthalte, die geeignet sind, das Heil und Wohl der Menschen zu fördern, die Gesundheit zu erhalten, das Leben zu verlängern, und daß sie diese kostbaren, herrlichen Schätze der Religion auf fremdem Boden in so leichtsinniger Weise preisgegeben haben. Diese Wahrnehmungen waren es, die einen solch niederschlagenden Eindruck auf ihr Gemüt gemacht, daß sie alle in Thränen ausbrachen. Das Bewußtsein der geistigen Armut hatte eine solch tieferschütternde Wirkung bei ihnen hervorgerufen, daß sich Esra und Nehemia ver-

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