Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1895)
- Date
- 1895-05-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Warum aber brach das Volk in Thränen aus als es die Worte der Thora verlesen hörte. Sind denn die Worte derselben geeignet einen tief verstimmenden Eindruck auf den Menschen zu machen? Heißt es nicht vielmehr von ihr daß sie die" Seele erquikt, das Herz erfreut und erfrischt, das Gemüt erhebt? War es nicht die Thora, die unfern Vätern im Alterthum sowohl als während der Jahrhunderte des Mittelalters, in jenen verhängnißvollen Tagen, wo Haß und Lieblosigkeit, Intoleranz und Unduldsamkeit, Druck und Verfolgung sich gegen Israel verschworen, Kraft, Mut und Ausdauer verliehen, um den gegen sie heranbrausenden Stürmen trotzen, um ihre Peiniger und Folterer überragen, überdauern zu können. Warum also, brach das Volk in Thränen aus, als es die Worte der Thora verlesen hörte. Freudenthränen mochten es doch wohl nicht gewesen sein, denn die Worte „Trauert nicht", beweisen klar und deutlich, daß es Thränen der Betrübnis und der tiefsten Trauer waren, die aus dem Bewußtsein der geistigen Armut entstammten, denn diese wirkt weit betrübender und niederdrückender als die Armut, die im Entbehren irdischer und zeitlicher Güter besteht. Der Arme, der in Not und Elend geboren und erzogen wurde, der glückliche Tage nie gesehen, trägt geduldig das Joch der Entbehrungen ohne zu verzagen. Und wenn er, was doch bei Armnt zumeist der Fall zu sein pflegt, religiös erzogen, religiös belehrt und unterrichtet wurde, so hat er ein festes, unerschütterliches Gottvertrauen und verzweifelt nicht und grämt sich nicht, selbst wenn er die auffallende, höchst befremdende Erscheinung wahrnimmt, daß edle, tugendhafte, wohlthätig wirkende Menschen ein kümmerliches leiden- und sorgenvolles Leben führen, mit schnödem Undank belohnt und ihre edelsten Thaten und Bestrebungen verkannt, verdächtigt und verunglimpft werden. Mit Recht sagen unsere Weisen: Achtet wohl auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus; sie sind zumeist die Träger der Gotteslehre, die Förderer der Religiosität, der Sittlichkeit und Moral; aus ihrer Mitte gehen zumeist die Vorkämpfer für Freiheit hervor, Männer, die Kraft, Mut, Wissen, Fähigkeit und Bildung besitzen, um die hämischen Behauptungen und boshaften Vorwürfe der Gegner gründlich wiederlegen, deren Angriffe abwehren, und das Judentum siegreich vertheidigen zu können. Das Gefühl der geistigen Armut aber wirkt weit niederschmetternder als die materielle Armut, besonders, wenn der geistig Arme von außen auf seine Unwissenheit und Unkenntnis aufmerksam gemacht wird. R. Akiba, der erst in seinem vierzigsten Lebensjahr zu lernen anfing, pflegte, als er bereits ein berühmter und allgemein gefeierter Lehrer in Israel war, in seinen Vorträgen zu sagen: Als ich noch ungebildet war, geriet ich beim Anblicke eines Gelehrten in solch eine Wut, daß ich ihn hätte zerfleischen können. Ja, das Bewußtsein der geistigen Armut wirkt kränkend, niederschmetternd und erregt den Neid, den Haß und die Mißgunst. —