Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1895)
- Date
- 1895-04-01
- Page
- Seite 85 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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85 unbewiesene Gewißheit, muß er weitergehen und sagen: Soll irgend ein Zweck für das Dasein angenommen werden, so muß es irgend jemanden geben, der diesen Zweck setzt. Hiermit ist ausgesprochen: 1) Daß alles uns bekannte Seiende einem anderen Seienden das Dasein verdankt. 2) Daß dieses Andere den Zweck des Seienden bestimmt, bevor es ins Dasein tritt. Dieses andere muß nicht nur ein lebendes, sondern auch bewußtes, nach Absichten wirkendes Wesen sein. Ihm muß zweierlei znerkannt werden: Alle Macht und alle Weisheit. Die Macht, das noch nicht Seiende ins Dasein zu rufen, d. h. zu schaffen, zu bilden, zu gestalten. Die Weisheit, weil es Zwecke setzt, d. h. Allem, bevor es geschaffen ist, seinen Endzweck auzuweisen, es von vorneherein so auszustatten, wenigstens dem Keime, aus dem es sich entwickeln soll, eine solche Beschaffenheit zu geben, daß es der ursprünglichen Absicht und dem Zweck entsprechen könne. Dieses Allmächtige und Allweise nennen wir Gott. Die Frage ist nun, worin besteht der Zweck, den er gesetzt hat und wo haben wir ihn zu suchen? b) Monotheismus und Naturwissenschaft. Bevor wir zur Antwort schreiten, dürfte auch die Frage nicht ohne Belang sein: Ob der Monotheismus, den wir kurz Theismus nennen wollen und jene, die sich zu ihni bekennen, allen Resultaten der Naturforschung feindlich gegenüberstehen? Dürfen und können sie als denkende Menschen die ohne Zweifel höchst achtenswerten Fortschritte der genannten Wissenschaft vornehm ignorieren? Oder sollen die beiden Gebiete nicht nur gegenseitig abgegrenzt, sollen sie auch ganz von einander geschieden werden? Soll es auf der einen Seite heißen: hier ist die Wissenschaft, das Denken und Forschen, hier steht man auf sicherem Boden; auf der anderen Seite: dort ist der Glaube, Denken und Forschen hören auf, die Fantasie waltet vor, der Boden ist unsicher und schwankend? Ich halte diese Frage für ebenso wichtig, als die über den Zweck unseres Seins. Außerdem steht sie auch mit ihr im Zusaminenhang. Für die Naturforschung giebt es, wie bereits auseinandergesetzt, keine teleologische Frage. Darwin und seine Nachfolger bauen ruhig ihre Systeme auf. Sie gehen von der Urzelle aus, und lassen, nach einem langen Entwicklungsgänge, den Menschen aus ihr entstehen. Sie kümmern sich nicht um das, was vor der Urzelle gewesen. Es ficht sie wenig an, was, vielleicht wieder nach Millionen Jahren, aus dem Menschen, der bislang entwickeltesten Zelle, werden wird. Da nach diesen Systemen die Welt, oder bleiben wir, um anschaulicher zu sein, bei dem Menschen, dieser keinen eigentlichen Schöpfer hatte, sondern entstanden ist, weil er entstehen mußte, oder weil die Zelle zu einer gewissen Zeit auf jener Stufe der Entwicklung angelangt lvar, um einen Menschen aus sich