Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969809-2969813--4413-2973674- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 60 - Gattung zu der niedrigeren herabsteigen, oder den aufsteigenden Weg verfolgen. Ich wähle das erstere. Nicht weil es das natürlichere ist, sondern weil wir, bei der niedrigsten Tierstufe angelangt, leicht den Übergang zu den niederen Organismen finden. In den höheren Tiergattungen wirkt, wie bei dem Menschen, nur im abgestuften Grade das Assoziationsvermögen. Wir haben bestimmte Anzeichen, daß Gedächtnis vorhanden ist. Freilich nicht ganze complizirte Reihen, sondern es ist dasselbe auf einen einzelnen Gegenstand oder Umstand gerichtet, z. B. Ortsgedächtnis. Weiter abwärts geht es zur bloßen Wahrnehmung. Das Gedächtniß verblaßt oder zeigt sich in minimalem Grade, der Instinkt ist das treibende Agens. Geht man so zurück zil den niedrigsten Tierarten, kann man ihnen Leben nicht absprechen. Aber man kann da nicht mehr vom Vorstellen und Denken reden. Es ist eine Art Lebensbethätigung, sich selbst, höchstens noch der unbewußte Drang, die Art zu erhalten. Auf dieser Stufe ungefähr können wir uns das Pflanzenleben vorstellen und in noch tieferer Abstufung das des Minerals. Aus dieser tiefen Stufe hört freilich für uns Menschen jeder Beweis auf. Aber, wer die Materie, sagen wir die Erde, was sie in sich birgt und auf sich trügt, für tot hält, müßte nach dem Gesagten den Beweis ihrer. Leblosigkeit erbringen. Vielleicht, und diese Möglichkeit ist gar nicht ausgeschlossen, wenn unsere Seh-, Taft-, Gehör-, nennen wir sie Bevbachtungs- und Erkennungsorgane, besser, schärfer wären, würden wir das Leben in dem scheinbar Toten gut und deutlich wahrnehmen, es wie an uns selbst oder wenigstens wie an den Tieren erkennen. Es wäre demgemäß nur ein Mangel an uns selbst, eine Unvollkommenheit, die wir nicht überwunden haben, daß wir überhaupt noch einen Unterschied zwischen organischem und unorganischem, zwischen lebendem und totem machen. Schön sagt C. v. Nagels) „. . . seitdem gelangte ich zu der klaren Überzeugung, daß es in der Natur keine Kluft giebt . . ., daß das geistige Leben nicht im Menschen oder im Tier als prinzipiell neues beginnt, sondern daß die Elemente, aus denen es besteht, schon in der Pflanze und im Unorganischen vorhanden, aber nur viel einfacher kombinirt sind". Es ist also nicht nur eine dichterische Hyperbel, von der Mutter Erde zu sprechen. Sie hat Bewegung, sie zeugt, in ihr ist Leben. Sollte das von ihr Gezeugte tot sein? Eine Mutter, die stets nur tote Kinder gebiert? Auch das ist nicht gut denkbar. Dasselbe, was wir von der Erde behaupten, mag in derselben oder anderen Weise von Mond uub Sonne und von allen Planeten gelten. Wir befinden uns also in einer nicht durch blinde Kräfte bewegten, toten, sondern mit vollem Leben erfüllten Welt. Ich glaube, man könnte den indirekten Beweis für das Leben des Alls aus sich selbst führen. Abstufungen der Lebensthätigkeit gewahren wir an uns selber. An unserem Körper muß doch Alles leben. Der gesunde Mensch kann 2) Die Schranken der naturwissenschaftlichen Erkenntnis pag. 558.