Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 56 — Gesetzt aber, dieses Spiel hätte irgend einen Zweck, oder es bestände ein dem Geist innewohnendes, uns unbekanntes Sehnen, sich mit der. Materie zu verbinden, es lebte in ihm ein unabänderliches Gesetz, das ihn zur Materie treibt, er handelte also nicht nach eigenem Ermessen, so entsteht doch die große Frage: „Wo ist denn das Thor, in das der Geist einfährt", und welches Plätzchen im Körper ist das geeigneteste um den Geist aufzunehmen? Gehirn, Ganglien, Zellen, so mag der Materialismus antworten. Für ihn sind diese selbst das Leben oder mindestens die Lebenserreger. Für den Idealismus sind sie, wenn auch sehr feine, aber doch immer nur Stoffe — Materie. Geist und Materie, jedes für sich gedacht, jedes gleichsam aus einer anderen Welt stammend, können sich nicht verbinden. Was sich vereinigen soll, muß notwendig einen Berührungspunkt haben. Der Geist hat keinen Punkt. Es kann in ihm oder an ihm ein solcher nicht gedacht werden. Ein Punkt hat bekanntlich, wenn auch eine winzig kleine, so doch immerhin eine Ausdehnung. Geist darf sie nicht haben. Er hätte sonst eine der Grundeigenschaften des Körperlichen — Ausdehnung im Raume — er wäre nicht mehr Geist. Denken wir uns nun den Geist in einen Körper fahren und — wir wollen uns darüber gar nicht streiten, ob er im Gehirn oder im Herzen oder sonst wo seinen Platz einnehmen wollte — beiden wäre es angeboren oder sie hätten das Bestreben sich innig zu verbinden — sie könnten es nicht. Der Körper kann den Geist nicht fassen, weil dieser keinen Angriffspunkt bietet. Der Geist kann den Körper wohl durchströmen, aber dieser Vorgang muß wirkungslos bleiben, weil das vermittelnde Organ fehlt, das dem Körper die Anwesenheit des Geistes fühlbar machte. Sie mögen nun neben oder miteinander gehen, der Körper mag dem Geist auch in sich Raum gewähren, auf einander einwirken können sie nicht. Ich möchte sagen: Geist und Körper sind zwei Liebende, die sich küssen wollen, aber dem einen fehlen die Lippen. Es bleibt für den Idealismus nur der dritte Fall übrig. Materie und Geist traten zu gleicher Zeit ins Dasein. Dieser wartete nicht auf jene, jene nicht auf diesen. Sie brauchen sich gegenseitig nicht zu suchen, weil sie sich bei der Geburt schon besaßen. Es trat keines ohne das andere in die Erscheinung. Mau darf keines als das ausschließlich Lebende oder ausschließlich Tote betrachten. Sie werden zusammen geboren und wird ein Tod angenommen, dann sterben sie auch zusammen. Eines ohne das andere existirt nicht. So meint Anton Gamser*): „Der Jahrtausende dauernde Steit... über das Primat zwischen Seele und Leib scheint uns ein total überflüßiger zu sein. Beide, Attribute des einen und einheitlichen Prinzips, schaffen die Welt. Nur in ihrer Einheit und Wirksamkeit sind beide real. .. Nicht nur die Natur des Menschen ist eine einheitliche, die *) „Die Wahrheit" pag. 41.