Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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55 aucki die angenommene und, soviel wir sehen, in Wirklichkeit bestehende Verbindung beider klar legen. Fragen wir zunächst: Wo sind die eigentlichen Berührungspunkte? Daß die Materie den Geist nicht zeugt, ist vielfach erwähnt. Hat der Geist die Materie geboren? Kann man etwas schaffen, aus sich selbst hervorgehen lassen, was man selbst nicht ist, wozu nicht Anlage, nicht Keim vorhanden ist? Oder sind es getrennte Gewalten, ursprünglich jede für sich gesondert, verbinden die sich zu gewissen Zwecken? Ist die Verbindung eine freiwillige, will die Materie nicht ohne Geist, dieser nicht ohne jene sein? Oder ist die Verbindung eine erzwungene, einer höheren Macht gehorchende? Wenn keiner dieser Fälle möglich sein sollte, wäre noch ein anderer Fall denkbar. Es hat eines das andere nicht gezeugt, sie sind auch nicht getrennte Gewalten, die sich freiwillig oder gezwungen verbinden, sondern sie sind beide Existenzen eines und desselben Augenblicks. Geist und Materie sind zu gleicher Zeit ins Dasein getreten. In der That scheint uns unter den verschiedenen Fällen der letztere am plausibelsten. Nicht darum, weil sich die gleichzeitige Geburt beider am sichersten beweisen läßt, sondern weil mit seiner Annahme sich die Schwierigkeiten nicht in gleicher Weise türmen, wie bei den andern Fällen. Der erste Fall, daß der Körper den Geist oder dieser jenen aus sich hervorgehen ließ, ist logisch undenkbar, aus Mangel eines zureichenden Grundes. Der andere Fall: Körper und Geist getrennt voneinander entstehen und sich dann' verbinden zu lassen, erzeugt für den Metaphysiker und Psychologen, wie für den Naturforscher so viele schwere oder gar nicht zu lösende Fragen, daß man sich genötigt sieht, die Annahme bald fallen zu lassen. Sucht die Materie den Geist, sucht sie die Verbindung mit ihm? Das kann sie als bloße Materie gar nicht. Sie ist doch tot, hat weder Streben noch Absicht, Ziel und Zweck sind ihr fremd. Es müßte also der Geist, die Seele, oder wie man jenes Innenleben nennen mag, die Materie suchen. Da möchte man doch gleich fragen: wozu denn? Wozu belastet sich der leicht beschwingte Geist, oder die frei schwebende Seele mit der toten- Materie? Absicht müssen wir dem Geiste doch zuschreiben. Will er, um vulgär zu sprechen, etwas aus ihr niachen? Das gelingt ihm doch nicht. Denn nur so lange er Aufenthalt in ihr nimmt, ist sie möglicherweise was er aus ihr machen will. Im Augenblicke, da er sie verläßt muß sie wieder werden, loas sie war. Oder, will der Geist eben das, will er die Materie nach seinem Geschmack und seiner Vorstellung umbilden und verläßt er sie wieder, wenn dies vollbracht ist, mag aus ihr werden, was da will? Das wäre ein ganz unnützes Vollbringen» ein Spiel zum Zeitvertreib.