Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 und die Anregung zu höherein Streben gegeben, sondern diejenigen, die sich dafür nicht empfänglich gezeigt, die es gehindert und vereitelt haben, beschämt es, wenn der Gedanke nicht zur That gereift ist, oder statt des mit Recht erhofften Gelingens ein gänzlicher Mißerfolg sich eingestellt hat. Man kann das Saatkorn nicht schelten, das zufällig auf schlechten Boden gefallen ist und daher nicht zur Frucht sich entfaltet hat; wenn inan Steine in den Acker wirst, kann kein Wachstum in demselben gedeihen. Nicht der Erfolg, den wir uns versprechen, sondern die Absicht, von der wir ausgehen, ist der Maßstab, der da anzulegen ist, wo unsere innere Überzeugung, wo unseres Herzens lebendige Begeisterung es uns gebietet, ein edleres Streben zu verfolgen und unsere Mitmenschen zu einer höheren Stufe geistigen urrd sittlichen Fortschritts emporzuführen. Wie das von ihnen ausgenommen wird, ob sie es fördern oder hemmen, unterstützen oder unterdrücken, begünstigen oder verwerfen, ob es Teilnahme oder Widerspruch findet, ob jauchzender Beifall oder höhnender Spott uns entgegentönt — wir dürfen den Mut unserer Meinung und Überzeugung nicht verlieren und müssen in unserem Streben treu und unentwegt ausharren. Solchen Mut bewährten unsere Propheten, die unerschrockenen Verkünder des göttlichen Wortes, die die Wahrheit, die in ihrer Seele ihnen offenbart war, nicht verborgen zurückhielten, auch wenn sie es wußten, daß sie von dem Volke nicht gewollt und nicht verstanden werden, bewährten sie, auch wenn sie wußten, daß sie mit ihrem höheren Streben allein standen und sich keinerlei Erfolg von ihm versprechen konnten. „Hier bin ich, ich will dein Bote sein", ein Bote der göttlichen Lehre in Israel, so sprach Jesaia, als auf den Ruf des Herrn: „wem soll ich schicken, daß er hingehe und das Wort der Wahrheit in Israel verkündet", sonst niemand hintreten wollte, so sprach er als er selbst es bekennen mußte „ich wohne inmitten eines Volkes, das nur das unreine Wort der Falschheit im Munde führt und kann mich selbst von dieser Sünde, in die unter den herrschenden Verhältnissen jeder hineingezogen wird, nicht freisprechen". Er begeisterte sich für das in ihm erweckte Streben, dem in Finsternis dahinwandelnden Volke das Licht der wahren Gotteserkenntnis zu zeigen und diese Begeisterung erkaltete nicht in seinem Herzen, als schon die ersten Worte die ihm verkündet worden, ihn davon überzeugen mußten, daß seine Mahnungen keinen Anklang finden, daß seine Bestrebungen keinen Erfolg erzielen werden. „Sie hören und begreifen nicht, sie sehen und erkennen nicht" lautet das göttliche Urteil über das damalige Israel. „Verstockt ist das Herz dieses Volkes/ seine Ohren sind verschlossen, seine Augen abgewendet, denn würde es nur mit seinen Augen sehen und mit seinen Ohren hören und mit seinen Herzen begreifen wollen, es würde umkehren und Heilung erlangen". Die Aussichten, die Jesaia für seine Sendung sich darboten, waren eben nicht sehr einladend, aber er ließ sich nicht entmutigen, er rechnete nicht mit Erfolg oder Mißerfolg, erfüllte seine Pflicht