Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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36 I. S. Adler wurde am 24. November 1794 in der Judengasse zu Frankfurt a. M. geboren. Ein gesetzliches Verbot gegen den Eintritt in die Schule vor dem sechsten Jahre gab es damals bei den Juden nicht und von einer Überbürdungsfrage wußte man auch noch nichts, und so wanderte, wie in jener Zeit üblich, der kleine Adler, als er vier Jahre alt war, in die Schule, das Cheder, lernte hebräisch und zwar Chumesch, später Mischnah und sogar, da .er ein begabter und fleißiger Schüler war, Talmud. Der Traum der zaubervollen Märchenwelt war in der Zeit der Ghettos nur wenigen Judenkindern vergönnt; die traurige Stellung der damaligen Juden inachte sich auch der Jugend fühlbar. Dazu kam, daß der Knabe in seinem 8. Lebensjahre den Vater verlor. Nunmehr war es mit dem regelmäßigen Schulbesuche vorüber; denn es galt für Mutter und 7 Geschwister thatkräftig mitzusorgeu. Und er that es unverdrossen, als Knabe wie als Mann; dabei vergaß er keineswegs sich geistig weiter zu bilden. Er las die klassischen und neuern Schriftsteller mit Verständnis; das Buch der Bücher jedoch blieb ihm die Bibel, sie zog er in allen Lebenslagen zu Rate und aus ihr schöpfte er seine Philosophie. Bezeichnend für seine Zeit ist, daß Adler erst in seinem vierzigsten Lebensjahre deutsch d. h. mit deutschen Lettern schreiben lernte, natürlich ohne Hilfe eines Lehrers. Die christlichen Schulen waren damals jüdischen Knaben nur ausnahmsweise zugänglich. Im Jahre 1820 verheiratete sich Adler; doch hörte er deshalb nicht auf, die Stütze von Mutter, Brüdern und Schwestern zu bleiben. Später wandte er seine Fürsorge den mildthätigen Anstalten der isr. Gemeinde und dem . Gottesdienste zu. Nahezu 30 Jahre war er Vorsteher der Krankenkasse und er bekleidete dieses Ehrenamt mit liebevollster Hingabe Obgleich er nie reich war, so hat er doch durch seine Privatwohlthätigkeit vielen jungen Leuten den Weg zum Studium oder sonst einem ehrlichen Lebenserwerb geebnet und manchem Greise den Lebensabend erheitert. An keinem Festtage setzte er sich mit seiner Familie zu Tische, ohne das Bewußtsein, armen Familienvätern zu einem frohen Mahle gespendet zu haben. Wo seine eigenen Mittel nicht ausreichten, wußte er sich diese von den Mehrbegiiterten zu verschaffen. Vor allem stand ihm darin sein Freund Moses Hertz, Vater der Frau Adelheid von Rothschild, zur Seite, der immer eine offene Hand für die Armen hatte. Durch dessen Hilfe vermochte Adler jeden Winter mehrere Wagen Holz in seinem Hofe zu verteilen und mit freudestrahlendem Gesichte stand er alsdann trotz Kälte da, um Jedem sein Maß zu verabreichen. Als im Jahre 1830 zuerst Steinkohlen als Brennmaterial in Verwendung kamen, rastete er nicht, bis er einen Kohlen- und Ofenverein ins Leben gernfen hatte und nun fuhr er bei Wind und Wetter hinaus auf das Land, ließ passende Öfen setzen, damit sich die Leute des billigeren Brennstoffes bedienen konnten und erntete dadurch die Segenssprüche Hunderter von Bedürftigen.