Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 35 ZUM Andenken an A. S. Adler. Es mögen etwa 40 Jahre sein, als ich mich mit einem befreundeten Manne aus einer ländlichen Gemeinde an einem Freitag Abend in der Frankfurter Gemeindesynagoge, dem damaligen Kompostell, befand. Der Orgelten, der Chorgesang, die warm vorgetragenen deutschen Gebete, alles dies drang znm ersten Male in einer Synagoge in das Ohr des Freundes und verfehlte seine Wirkung nicht. Am mächtigsten zog ihn jedoch einer der versammelten Andächtigen an, dessen Gestalt über die seiner Umgebung hervorragte und der durch die Inbrunst seines Gebetes sich auszeichnete. Die heilige Scheu, mit der der Freund nach diesem Andächtigen geblickt hatte, war mir nicht entgangen und ich sagte deshalb nach beendigtem Gottesdienste zu ihm, als er das Gespräch auf den frommen Mann lenkte : wenn es Ihnen Vergnügen macht, werde ich Sie heute Abend nach dem Essen bei dem Manne einführen; er wird uns in liebenswürdiger Weife in seinem Familienkreise empfangen nnd gerne bei einer Pfeife Tabak ein Stündchen mit uns verplaudern. Es währte lange, bis der Freund vom Lände sich „Frömmigkeit, Freitag Abend und Pfeife Tabak" zusammenreimen konnte. Der in seinen Augen sonderbare Heilige war I. S. Adler, auch Jude Sch mit hl genannt, dessen Andenken bei der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages die folgenden Zeilen in Verehrung gewidmet seien. Adler war ein Urbild jener Generation, die in unserer Zeit des Gegensatzes — des starren Buchstabenglaubens und der Gleichgiltigkeit — immer mehr schwindet, ein Mann, der mit seinem Wissen und Glauben fest in dem Judentum wurzelte, aber die Spreu von denr Weizen zu sondern verstand, das Veraltete daher beherzt abschüttelte und sich den Forderungen der Neuzeit anpaßte. Durch seine schlagfertigen, treffenden Antworten, seinen feinen Witz und gesunden Humor war er und ist er heute noch innerhalb des Frankfurter Weichbildes eine oft angeführte Persönlichkeit. Ich erinnere mich noch lebhaft einer Unterhaltung, bei der die Frage aufgeworfen wurde, woher es komme, daß die Juden im allgemeinen wenig Sinn und Begabung für beschreibende Naturwissenschaft zeigen. Er gab hierfür die beachtenswerte Erklärung, indem er folgendes Gespräch zwischen 4 Juden anführte: A. Es ist wunderbar, wie verschiedenartig Gottes Geschöpfe gestaltet sind: der Mensch hat 2 Beine, während der Hund deren 4 hat. B. Ein Maikäfer hat 6 Beine. 0. Eine Spinne hat 8 Beine. D. Es giebt sogar Tiere, die 1000 Beine haben. 0. Woher weiß man das? D. Der Goi hat's gezählt. — Bekannt ist die Antwort, die er Baron v. Rothschild gab, als dieser, nachdem er gehört, daß Adler erst um 6 Uhr ausstehe, vorwurfsvoll zu ihm sagte, daß er (Rothschild) schon um 5 Uhr sich erhebe: „Wenn ich Rothschild wäre, stünd ich um 4 Uhr auf; ich habe Zeit um tt Uhr zu wissen, daß ich Jude Schmuhl bin."