Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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in der Welt der wirklichen Erscheinungen offenbart, daß weitaus die meisten Jünger dieses Lehrhauses auch das zweite Ziel im Auge haben und die praktische Theologie zu ihrem Lebensberufe machen. Wir hoffen, daß Sie einst in kleinen und großen Gemeinden Amt und Würde finden! Wie werden Sie diese Genossenschaften zum Heile leiten? Blicken Sie auf Zunz. Durch und durch ein Mann der Wissenschaft, steht er in seinen Schriften auf dem historischen Standpunkte. Ein Blick in seine Briefe wird ihnen gesagt haben, daß er alle Gebote und Satzuttgen unter Wahrung zierlicher Formen und des innern geistigen Gehaltes geachtet wissen wollte. Und ich möchte mir, gestützt auf eine vieljährige Erfahrung, erlauben, Ihnen als Jünger der Theologie dieselbe Richtung anzuempfehlen. Ich bin nicht dazu berufen, Ihnen an dieser Stelle für Ihr künftiges Amt auch nur meine persönlichen Ratschläge zu erteilen. Aber so lange Sie sich für den ernsten Beruf eines Rabbiners vorbereiten, so lange Sie unser Lehrhaus besuchen, bitte ich Sie, um der Gewissenhaftigkeit willen und um der Tadellosigkeit ihres Rufes wegen, die bezeichneten Bahnen zu wandeln. Ernstes, wissenschaftliches Streben und einen vorwurfsfreien, frommen Wandel während Ihrer Studienjahre fordern von Ihnen die Gemeinden Israels, die Sie einst zu Führern im Glauben wählen. Ich brauche nicht zu sagen, daß die biblischen und rabbinischen Gesetze ihre hohe Bedeutung haben. Die Satzungen unserer Väter sind ehrwürdig, und unsere Pietät heiligt sie. Um nicht an der Sühnestellung des Gottesdienstes, von welchen man heute fast sagen kann, daß jede Synagoge sich ihre eigenen Formen herrichtet und aufbaut, arbeiten zu können, ist es für junge Theologen höchst wichtig, den Gottesdienst in den verschiedenen Gotteshäusern, in den alten und in den neuen, an Sabbaten und an den Wochentagen genau kennen zu lernen, das Glaubensleben derer, die zu Gott emporblicken, mitzuleben und das Herz im innigen Gebete zu stärken. Wie muß Zunz dieses Leben der Synagogen gekannt, mitempfunden und mitgefühlt haben, als er daran ging, die gottesdienstlichen Vorträge der Juden während fast zweier Jahrtausende zu beschreiben! Und nun noch den innigen Wunsch, daß Sie, meine geehrten Herrn Comilitonen, an Kräften reich seien und bleiben für die großen wissenschaftlichen Aufgaben und für den hohen Beruf, die Glaubensgemeinden zu führen! Seien Sie, wie Zunz, bis hinein ins späte Lebensalter, krafterfüllt und geistesmächtig, daß man von jedem, der sich diesem ernsten Studium widmet, sagen kann: „Er ist an Kräften stark und gewaltig."