Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 33 An der Spitze der Männer, welche sachlich und praktisch für die Bedürfnisse der neuen Zeit und der Zukunft wirkten, erblicken wir wieder unseren Zunz. Noch ruhen die meisten seiner Aufsätze, welche umfangreiche Pläne für die Errichtung von Lehrerseminarien und für die Form, den Inhalt und für die Methode des Religionsunterrichtes enthalten, in der großen handschriftlichen Sammlung der Zunzstiftung. Die Correspondenz hierüber, welche Zunz mit der Berliner Gemeinde und mit denen anderer Städte führte und auf welche schon anderweitig hingewiesen wurde/), ist besonders lehrreich. Wer einen Einblick in diese Schriften nimmt, der erkennt bald, daß Zunz einer der ersten und rüstigsten Arbeiter an der modernen Erziehungskunst im Kreise der jüdischen Gemeinden war. Ebenso verhält es sich mit dem, was Zunz für die jüdische Kanzelberedsamkeit that. Als er predigte, da nahte die Zeit heran, in welcher die belehrende, aber veraltete Weise der agadischen Verschlingung und Deutung in allen Gemeinden der gebildeten Welt einer modernen Beredsamkeit Platz machm sollte, und Zunz war einer der ersten unter den Predigern, welche die Kanzelrede in der neuen Gestalt pflegten und zur Geltung brachten. Er führte die Geschichte der gottesdienstlichen Vorträge, welche er geschrieben hat, von vornherein weiter. Und während viele jener ersten deutschen Redner im dritten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts sich gerne im Geleise der Prediger anderer Confessionen bewegten, blieb Zunz selbständig, fest, und sah, wie David Cassels mit Recht meint, wmiger auf die Form als auf den kernvollen Inhalt. Wenn ich Zunz mit einem andern Redner den damaligen Zeit vergleichen soll, möchte ich ihn nur neben Kley stellen. So sehen wir Zunz durch die That sicher und entschieden das Feld der Zukunst bestellen. Diese Flur, welche für Zunz die Zukunft war, bildet, meine Herrn Comilitonen, ihre Gegenwart. Sie stehen und weilen auf derselben. Sie werden einst die von der Zeit veranlaßten neuen Ordnungen in dem Leben der Synagogengemeinden leiten. Sie werden ihnen Richtung und Sicherheit zu geben haben. Sie sind dazu erwählt, die Wissenschaft mit dem Glauben zu versöhnen! Ihnen soll es einst gelingen, den Glauben zu predigen, dem sich — wie die Geschichte unserer Religion ein ähnliches Beispiel im Mittelalter aufweist, — die allgemeine menschliche Kenntnis anschließt! Sie sollen den Riß überbrücken, der das Lager der jüdischen Gemeinden noch trennt! Sie sind berufen, den Einmut im praktischen Leben des Glaubensstammes anzustreben und herzustellen! Lassen Sie mich über die letzte Aufgabe einige Worte sprechen. Ist auch unsere Lehranstalt in erster Reihe der Wissenschaft gewidmet, so hat es sich doch ’) Maybaum, XII Jahresbericht der Lehraustalt f. d' W. d. Judent. 8) David Cassel, hinterlassene Schrift über Zunz. II Th. Hdsch.