Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969809-2969812--4381-2973641- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
29 behandelten, war veraltet und gleich eine»» stunipf gewordenen Geräte. An Kühnheit und Wagnis, Schlüsse und Folgerungen zu verschlingen, ragten jene Meister hervor, aber für die Zeit, deren Losungswort auf allen Gebieten der menschlichen Erkenntnis streng sachliches und geschichtliches Ergründen war, versagte die Kraft dieser Sonden und Federn aus dem Mittelälter. — Zunz fand die richtige Methode für die Erforschung des jüdischen Altertums, er wies auf den rechten, zeitgemäßen Pfad, welchen die Darstellung der jüdischen Lehre einzuhalten habe. So rühmen die alten Weisen von dem König Salomo, daß er durch die Spruchdichtuug der Tugendlehre wie einem Geräte die rechte Handhabe gab, damit sie das Volk nutzen und auivenden könnte?) Dabei wies Zunz auf Tiefen der Wissenschaft hin, die noch zu ergründen, auf Wahrheiten, welche aus verborgenen Gängen des weiten Schachtes zu holen seien. Wie ein Künstler die Gedanken und Gestalten, welche sein Geist erschaut hat, in stylvollen Bildern zum Aus? druck bringt, so ließ Zunz seine Glaubensgenossen auf ganz neue Gemälde des Strebens und Schaffens des jüdischen Altertums schauen, wie er dieses in seiner Weisheit erkannte und mit reichem Kunstsinn darstellte. Auf jedem Gebiete menschlichen Waltens, meine Herrn Comilitonen, offenbart sich die Bedeutung und der Einfluß des schaffenden, belebenden Geistes in zweifacher Weise. Einmal durch selbständige, hervorragende Thaten, die er ausführt, durch gewaltige Bauten der Gedanken, durch neue Mächte, die gerufen werden und denen er Bahn verschafft. Der Weise gewinnt aber auch durch sein anderweitiges Wirken großen Einfluß auf Mitstrebende und auf eine weite Reihe von Nachfolgern, er deutet, wenn auch nur durch die ersten Schritte, den Weg an für neue, tveite, große und nützliche Ausführungen. Ein großer Vorzug besteht auch darin, die Weisheit dem Gebrauche und der Anwendung entgegenzuführen. Nach beiderr Seiten hin erwies sich Zunz als ein schöpferischer Geist uttb als ein hervorragender Meister. Er schuf neue Zweige der Wissenschaft. Die Geschichte der „Gottesdienstlichen Vorträge der Juden" umspannt die Zeit der Sagenbildung, der Legendendichtung der' Schriftforschmrg und der Homiletik, fast zweier Jahrtausende. Sie ist eine Pyramide, rvelche den Namen des Meisters verewigt. Die Synagogenpoesie, rvelche ja aus einzelnen Stücken besteht, die von einzelnen, nach Begabung und Wohnort von verschiedenen Verfassern, die im Zuge von mehr als vier Jahrhunderten lebten, herrühren, wurden bis auf Zunz nur an den Festen gelesen, fanderr auch nur selten einen Comentator. Zunz erhob diese reiche Poesie zu einer Wissenschaft und widmete ihr mit großem Erfolge mehrere seiner Schriften. Er ließ hierdurch aus dem alten Stamme der jüdischen Kenntnis ein neues herrliches Reiß hervorsprießen. *) Midrasch Chasita, Einleitung.