Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Leopold Junz. Ansprache gehalten bei der Eröffnung des Wintersemesters an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin am 29. October 1894 von dem derzeitigen Vorsitzenden des Lehrercollegiums, Dr. Joel Müller. Geehrte Herrn Comilitonen! Während der Zeit, in der die Hallen dieses Lehrhauses geschlossen waren, um den Beflissenen der jüdischen Wissenschaft die nötige Erholung zu gönnen, wurde in den gebildeten Kreisen unserer Glaubensgenossen der Tag feierlich begangen, an welchem Leopold Zunz vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Es erschien dem Lehrercollegium dieses Lehrhauses angemessen, daß die erste Stunde des heute eröffneten Wintersemesters dem Andenken dieses bedeutenden Mannes gewidmet werde, welcher vor Allen für die Erkenntnis im Leben und in der Geschichte des jüdischen Stammes neue Pfade gefunden lind der jüdischen Wissenschaft durch eine erlesene Ordnung und durch vertieften Inhalt einen hohen Aufschwung gegeben hat. Vor dem Erscheinen Zunz' wiesen die meisten Fächer der jüdischen Kenntnis, namentlich soweit sie das Synagogenleben und die eigentlich rabbinischen Stildien, Talmud und Halacha betrafen, eine veraltete Form auf. „Gleichgiltigkeit und Parteilich- ' feit, Sorglosigkeit und Unwissenheit", um mit Zunz eignen Worten') zu sprechen, hatte sich der Pflege und Obhut der rabbinischen Litteratnr bemächtigt. —■ Blicken wir auf diese Zeiten und auf das. belebende Eingreifen Zunz, so werden wir an einen Spruch des Weisen im Buche Kohelet denken, der unter vielfachen Bemerkungen zu lesen ist, welche die Thaten des Weisen dem Vorgehen dessen entgegenstellen, der die Dinge unzweckinäßig erfaßt und bewegt unb wendet. Der Satz lailtet:-) Ist das Eisen stumpf geworden, so hat dieser eben die Schneide nicht geschliffen. Jener aber weiß neue Kräfte zu rufen und zu wecken. Ein großer Vorzug besteht auch darin, die Weisheit dem Gebrauche und der Anwendung entgegenzuführen''). Angesehene Lehrer des Talmud sowohl in Palästina als auch in Babylon haben die Regel des Weisheitslehrers auf die Disciplin der Glaubenswissenschaft auf die bei dieser angewendete Methode und Form, auf die Meister und die Jünger der Schulen gedeutet. Zutreffend -erscheint lins auch der Spruch, wenn man ihn auf den Zustand der verschiedenen Zweige der Gesetzesforschung am Beginne dieses Jahrhunderts und auf die Schöpfungen Zunz anwendet. Der Geist der Lehrer des Talmud und des Gesetzes war dainals allerdings haarscharf, aber die Art in der diese Männer das altersgraue Schrifttum 9 Zunz, gesammelte Schriften I 3. 18. h Kohelet 10, 10. *) Talmud Babli, Tnanit 7a.