Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969809-2969811--4365-2973624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15 Und so sind nicht wir es, die treulos handeln an dem Erbe der Väter, sondern jene Feinde des Lichtes, die die Treue zwar auf den Lippen führen, aber ihr Herz weiß nichts davon, die Haß und Zwietracht hineintragen in die friedlichen Hütten der Gemeinden. Wir wollen ausbauen, jene wollen niederreißen; wir wollen auch die Lauen, die Entfremdeten und Gleichgültigen heranziehen durch Veredelung der Form, dnrch Läuterung des ganzen religiösen Lebens, jene aber wollen abstoßen und znrückschrecken, nicht um des Geistes, sondern um des Buchstaben willen. Doch wir lassen uns nicht beirren. Von geheiligter Stätte aus rufe ich euch zu: Israeliten, vergesset nicht, daß wir Treue bewahren müssen dem Geiste des Judentums; die aber können wir nur dann üben, wenn wir nicht länger ihn verdunkeln lassen durch die trüben Schatten veralteter Anschauungen. IV. Als vierte Frucht, die unseren Feststrauß schmückt, nennt unser Text arwe iioelia], die Weiden am Bache, das Sinnbild der Schlichtheit und der Einfachheit. Und schlicht und einfach sind auch die Gebetstücke, die wir heute zunr erstenmal aus nnserem Buche zu unserem Gotte emporsenden. In den alten Gebetbüchern findet ihr an zahlreichen Stellen jene Überschwänglichkeit im Ausdruck, jene geradezu erdrückende Wortfülle, welche zwar ganz gewiß den besten Absichten entsprungen ist, aber den gebildeten Menschen nicht erbaut, sondern ermüdet. Lasset mich aus vielen Beispielen nur eines euch anführen: In dem Gebetstücke, das unmittelbar an Scli’ma jisroel sich anschließt und die Größe und Herrlichkeit des göttlichen Wortes uns veranschaulichen will, werden die Eigenschaften des letzteren in endloser Reihe aufgezählt: «mos, w’jazif, w'nochaun, w’kajom, w’joschoi', w’neenion, w’olmf, w’chowif, w’neclimod, w’noivn, w’nauro, w'adir, umsukon, umkubol, w’tauf, w’jofe hadowor base. Fast kommen wir in unserer Muttersprache in Verlegenheit, woher wir all' die Worte schöpfen sollen, die den überschwänglichen Lobeserhebungen des hebräischen Textes auch nur annährend entsprechen. Glaubt man denn wirklich, dnrch solch' zahlreiche Häufungen die Andacht zu heben, das Gebet zu veredeln? Als ob man überhaupt das Lob des Allmächtigen in Worten erschöpfen könnte! Gerade im Gegenteil, je einfacher das Gebet, je schlichter seine Fassung, desto mehr geht es zu Herzen, desto inniger ergreift es das Gemüt, und deshalb dürfen wir es wohl als einen bedeutsamen Vorzug unseres Gebetbuches bezeichnen, daß es in einfacher, klarer Sprache, ohne Häufung, ohne Überladung den Gedanken und Empfindungen unseres Innersten Ausdruck verleiht. Wie die Bachweide in ihrer Einfachheit den Feststrauß ziert, so ist auch unser Buch ausgezeichnet durch schmucklose Einfachheit und herzliche Innigkeit.