Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 nigen Sehnsucht, mit der sie in ihren Gebeten ihre Rückkehr nach Jerusalem er-- flehen. Ist aber, so frage ich euch, ein solcher Widerspruch zwischen Gebet und Gesinnung, zwischen Wort und That nicht unwürdig unserer Religion, unwürdig des Gottes, der die lautere Wahrheit ist, und vor dem wir nur wahr erscheinen sollen? — Und jene Bitte um Wiederherstellung des blutigen Opferdienstes, der Farren- und Widderopfer, ist sie etwa der wahrhafte Ansdruck unserer Empfindungen? Wollen wir wirklich die Opfer wiederherstcllen, jene traurigen Überreste aus heidnischer Vorzeit, sollen sie in Wirklichkeit an Stelle des Gebetes treten als würdige Zwiesprache zwischen Gott und Menschen? Nein, m. A., denn das hieße die weltgeschichtliche Mission Israels preisgeben, das hieße des bedeutsamen Berufs vergessen, der uns am Sinai geworden ist. — Und jene anschauliche Schilderung der Engelsheere, der Seraphim, Ophanim und heiligen Chajot und wie sie sonst alle heißen mögen, die ihr in den Gebetbüchern der alten Richtung gerade in den heiligsten Gebetstücken findet, ziemt sie etwa dem Geiste der Wahrheit, der unter uns herrschen soll? Widerspricht nicht gerade dem Judentum der Glaube an Engel, an Mittlerwesen, die sich zwischen Gott und Menschen drängen? Und wir sollten trotzdem umoahrhaftig genug sein, solche Wesen in unseren täglichen Gebeten mit ehrfurchtsvoller Scheu zu nennen! Endlich alle jene Stellen unserer alten Tefillah, welche Israel schildern als ein vor allen Nationen des Erdballs ausgezeichnetes Volk, jene Stellen, die nicht allein von unseren Gegnern, sondern auch von vielen unserer Glaubensgenossen mißverstanden wurden, jene vielberufenen Worte: Gelobt sei Gott, „der unser Teil nicht gleich werden ließ dem ihrigen und unser Los gleich dem ihrer Scharen," stehen sie nicht im schroffsten Widerspruche zu jener erhabenen Lehre, die Israel zuerst der Welt verkündet: Haben wir nicht alle einen Vater,' hat uns nicht alle ein Gott geschaffen? Und deshalb, m. A., weil wir eben wahr sein wollen und wahr sein müssen in allem, was wir beten zum Gotte der Wahrheit, mußten aus unserem Gebetbuche entfernt und ansgemerzt werden alle jene Stellen, die, unserem Denken und Fühlen widersprechend, in unseren Tagen nur als Unwahrhaftigkeit bezeichnet werden können. Und darum findet ihr auch in unserem Buche nichts mehr von jener Sehnsucht nach Jerusalem, nichts mehr von jenem Verlangen nach blutigem Opferdienst, nichts mehr von mystisch-geheimnisvollen Engelsheeren, nicht mehr jene vieldeutigen Ausdrücke von der Auserwähltheit Israels „vor allen Völkern", die so oft zu Mißverständnissen Anlaß gaben'). Da ist alles, was ihr betet, ') Die weltgeschichtliche Mission Israels, die Eingottesidee unter den Völkern zu verbreiten, ist auch in unserem neuen Gebetbnche an zahlreichen Stellen so klar und unzweideutig zum Ausdruck gebracht, das; Stellen, ivie die angeführte, die nur zu Mißdeutungen Anlaß geben, gut entbehrt lverden können.