Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-01-01 · Heft 1 (1.1.1895) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 1 (1.1.1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969809-2969811--4362-2973621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

12 sind der wahre und warme Ansdruck eines in deutscher Sprache betenden deutschen Juden. Die hohen Gedanken, die in unseren altehrwürdigen Gebeten zum Ausdruck kommen, sind hier auch in unserer Muttersprache in ein würdiges Gewand gekleidet. Hehrer Inhalt vereinigt sich mit herrlicher Form, und anmutige Schönheit ist ausgebreitet über das Ganze. M. A. Jedes Blatt in dem Buche zeugt dafür, jedes Gebet, das ihr einwirken lasset auf euer Inneres, wird es euch auf's neue zum Bewußtsein bringen, wie trefflich das Werk gelungen, wie sehr es dem Esrog gleicht, der Frucht vom herrlichen Baume, durch seine Schönheit euch erfreuend, durch seine Anmut euch erquickend. II. Das Zweite, was unser Text air unserem Feststrauß hervorhebt, sind kappaus t’morim, sind die Zweige der Palme, die, mit ihren Wurzeln im Boden haftend, mit ihren Ästen stolz zum Himmel emporragt. Sie ist das Sinnbild der Wahrhaftigkeit, jener hehren Tugend, die, in der Erde wurzelnd, zum Himmel strebt. Und Wahrhaftigkeit sollen wir auch üben in unserem Gebete. Wir sollen wahr sein in Allem, was >vir thun und denken, „ganz besonders aber, wenn wir uns betend an den Gott der Wahrheit tuenden". Wie aber, m. A., wird das Buch, aus welchem unsere Brüder der alten Richtung ihre Gebete zu Gott emporsenden, dieser Forderung gerecht? Nehmt doch ein solches Buch zur Hand, schlagt es auf, und ihr werdet an vielen Stellen noch Anschauungen vertreten finden, welche ein Hohn sind auf unser Denken, ein Hohn auf unser Empfinden, ein Hohn auf unsere ganze Gesinnung. Da flehen sie mit dem Ausdruck heißer Sehnsucht: „Führe uns unsere Richter zu, tvie ehedem, rmd unsere Ratgeber, wie in den Tagen der Borzeit"! „Laß unsere Augen schauen deine Rückkehr nach Zion in Barmherzigkeit"! „Bringe uns in Frieden von den vier Enden der Erde und führe uns aufrecht in unser Land"! Und in Wirklichkeit, m. A., denken sie gar nicht daran, nach jenen fernen Gefilden Palästinas zurückznwandern; die Wünsche, denen sie in ihren Gebeten so innigen Ausdruck geben, entsprechen in Wahrheit gar nicht der Sehnsucht ihres Herzens. Oder glaubt ihr, meine Zuhörer, wenn heute plötzlich der Ruf an uns erginge: Verlasset das Land eurer Geburt, die Stätte eurer Kindheit, den Ort, wo eure Lieben ruhen, an dem ihr hängt mit allen Fasern eures Herzens, und ziehet hin in das Land, nach dem ihr in euren Gebeten so heiß verlangt, glaubt ihr, m. A., unsere Brüder der alten Richtung würden diesem Rufe Folge leisten, würden Haus und Herd verlassen, Heimat und Vaterland, um hinauszuwandern in die Fremde, wo ein unbekanntes Schicksal ihrer harrt? Nimmermehr, sie würden als deutsche Juden auf deutschem Boden bleiben wollen trotz der in-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.