Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Aas neue Gebetbuch des westfälischen Gemeindeverbandes. Eine Sukkothrede. Meine andächtigen Zuhörer! Die Tage ernster Selbstprüfung sind nun vorüber; gewissenhaft hat jeder tiefer angelegte Israelit die Zeit der Buße ausgenutzt, und geläutert in seinem Denken, geläutert in seinem ganzen iunern Menschen tritt er in's Leben wieder ein. Bevor aber die Alltäglichkeit mit ihren Sorgen und Mühen, ihren Lasten und Beschwerden uns wieder aufnimmt, sollen wir nach den Vorschriften unserer Religion, gleichsam um dieser heiligen Zeit den düster-ernsten Charakter zu nehmen und sie zum freundlichen Abschluß zu bringen, das Sukkothfest begehen, das Fest der Laubhütten, als ein Fest der Freude und der Dankbarkeit. Freuen sollen wir uns heute ob der reichen Gabenfülle, mit welcher wir wohl versorgt bei» nahenden Winter getrost entgegengehen, danken sollen wir ehrfurchtsvoll dem großen Weltenschöpfer für all' das Gute, das er bis jetzt in so reichem Maße uns hat angedeihen lassen. — Aber, meine Andächtigen, noch eine andere Freude, eine andere Dankbarkeit ist es, die uns heute das Herz erfüllt und bewegt. Sehen wir doch an dem heutigen Feste innerhalb unserer Gemeinde, ja innerhalb des größeren Kreises unserer westfälischen Glaubensgenossen einen Gedanken sich verwirklichen, der lange, lange Zeit in vielen begeisterten Bekennern des Judentums als sehnsuchtsvoller Wunsch gelebt, dessen Erfüllung so oft vergebens erstrebt wurde, und der jetzt zum ersten Male in einem größeren Kreise wirksam in Erscheinung tritt?) Führen wir doch heute nicht nur in unserer Gemeinde, sondern in zahlreichen Gemeinden unserer Provinz ein neues Gebetbuch ei«, ein Buch, das, seiner ganzen Anlage, seinem Inhalte und seiner Bearbeitung nach den geläuterten Anschauungen unserer Zeit entsprechend, wohl geeignet ist, die Andacht zu fördern und das gottesdienstliche Leben in unserer Mitte zu heben und zu veredeln. Lasset mich nun — ihr habet ein Anrecht darauf — über dieses Buch heute zu euch sprechen, über sein Wesen und seinen Charakter, über seine Vorzüge und seine Bedeutung; wir knüpfen unsere Betrachtung an das Wort unseres Festabschuittes: Ihr sollt euch nehmen am ersten Tage des Festes Frucht vom schönen Baume (Esrog), Palmzweig, Myrthe und Vachweide und euch freuen vor dem Ewigen, euerem Gotte, sieben Tage lang. Möget ihr, »i. A., bei dieser Betrachtung ein williges Ohr mir leihen, damit sie beitrage, euer religiöses Denken zu klären, euer religiöses Fühlen r) Bon den sämtlichen Gebetbüchern der neueren Zeit, die nach freisinnigen Grundsätzen bearbeitet wurden, hat keins tu größeren Kreisen Eingang gesunden. Das Jovl'sche kann als ein freisinniges nicht betrachtet werden. Thatjüchlich wird daher erst durch das westfälische Gebetbuch die einheitliche Gestaltung des Gottesdienstes nach freisinnigen Grundsätzen für eine ganze Provinz und weit darüber hinaus angebahnt.