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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1895-01-01 · Heft 1 (1.1.1895) · p. Seite 9

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 1 (1.1.1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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?* ■n**r»V und Tempelkult sein — so ist sie eine Unwahrheit; kein Vernünftiger wünscht solchen Rückschritt. Unseren modernen Anschauungen widersprechen ebenso die vielfachen, z. B. im jüdischen Vater-nnser (owinu) wiederkehrenden Bitten, Gott möge etwas thun lemaan, um der Märtyrer re. re. Willen, wie denn die Erinnerungen an die Patriarchen, an die Opferung Jsacs in den Hauptfestgebeten immer wiederkehrt, ja ganze Gebetabschnitte, die Akedoß, auf sie aufgebaut sind. Es ist das unterscheidende Merkmal des Judentums, daß es den unmittelbaren Verkehr des Menschen mit Gott, ohne Mittler und Vermittlung, ohne Engel und Heilige, betont. Aber viele, auch in Neubearbeitungen des Gebetbuchs beibehaltene Gebete nndersprechen dem, oder geben wenigstens mißverständlicher Auffassung Spielraum. Ist es nach alle dem zu verwundern, wenn Viele, namentlich von Gebildeten, sich dem Gottesdienst mehr und mehr entziehen? Nicht Gesang und Orgelklang, nicht Sitinenrausch und Außenwerk ist das Wesen des Gottesdienstes. Weihe, Andacht und religiöse Erbauung thun auch dem Feingebildeten wohl und not. Aber er darf nicht, wenn er sie sucht, kühl angetveht, kalt übergossen, zurückgeschreckt werden durch Gedanken und Anschauungen einer längst überholten Vergangenheit, durch peinliche Widersprüche mit unserem Denken, unsrer Erziehung, nnsrer Cultur, wie sie auch dem einfachen Menschen nach seiner Schulbildung und Lebenserfahrung sich darlegen, so daß auch er Derartiges nicht gläubig nachbeten kann. - Vielfache Zeiterscheinungen mahnen, wie dringend notwendig es -sei, daß. das Judentum — auf das Unkundige und Übelwollende innerhalb wie außerhalb seines Bereichs mit unberechtigter Abneigung blicken — seine heilkräftige, sittliche Macht und Frömmigkeit bewähre und entfalte. .Dazu ist ansprechende, zeitgemäße, anziehende, herzerfassende Gestaltung des Gottesdienstes, der Gebete, des Religionsunterrichts, erforderlich. Fromme Wünsche das, den sich vorzugsweise fromm Dünkenden und Nennenden gewiß höchst bedenklich. Aber je länger je mehr wird es zur dringenden Notwendigkeit, daß der tiefsittliche Kern des Judentums an und in seinen Bekennern in den weitesten Kreisen sich praktisch bewähre. Dazu bedarf es dringend eines anregenden, zeit- und bildnngsgemäßen Gottesdienstes in deutscher Sprache, in den unsrem Culturstand entsprechenden Formen und Gebeten. Nur so können wir darauf rechnen, das Judentum in seinem edlen Gehalt in würdiger Gestalt uns, unseren Kindern und Kindeskindern als Leitstern eines sittlichen Lebenswandels, einer würdigen Welt- und Gottesanschaunng zu erhalten.

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