Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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■yi:~vc r,i — 8 — die beiden täglichen Schlußgebete: Dank für die täglichen Wunder und Bitte mit. Frieden — sind schön, zeitgemäß und erbaulich, wenn auch das Friedensgebet nicht ans Israel beschränkt werden darf — obwohl selbst das sein kirchliches Seitenstück hat. Ihnen reihen sich die herrlichen Mussaphgebetstücke an den höchsten Festtagen, das ergreifende Olemt und das rührende Ubechen teil imchteclio an. Aber welche Unmasse anderer Gebetstücke bietet Schwulst, nichtssagende Aneinderreihnng von Bibelversen, Phrase, ja Unwahrbeit und Aberglaube»! Gleich der Eingang: Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jacobs, macht den stutzig, dem die Patriarchen legendär erscheinen. Der „Erlöser für die Kindeskinder", der „Beleber der Todteu", die so heilig gehaltene, den Propheten entnommene Keduscha, die den Lobgesang der Engel wiedergibt, - das sind Anschauungen aus alten Tagen. Jetzt erkennen wir keine Engellehre mehr an, jetzt faßt man die Unsterblichkeit geistig, nicht als Auferstehung der Leiber aus. Dank Gott, der dem Menschen Einsicht gab! Das schöne Einleitungsgebet Elohai nescltom» hat de» für uns unannehmbaren Schlußdank für Gott, der den todten Körpern Seelen wiedergibt! Und all das wird ahnungslos, verständnißlos, kritiklos weitergebetet! Den Mittelpunkt des Gottesdienstes bietet das zeitraubende, die Nichtbeteiligten langweilende Ausrufen mit dem Bor- und Nachspiel des Ans- und Einhebens, des Herumtragens, des Aus- und Ankleidens, der — je nachdem, Wochentags einfach, Sabbats stattlicher, Feiertags prächtig bekleideten, bez. silberbehangenen Pergamentrolle, die den Pentateuch, mühsam und kunstvoll nach tausendjährigen Regeln geschrieben, enthält. Ein Druckexemplar wäre verpönt. Das kannte man ja in talmudisehen Zeiten nicht. Mit diesen Thorarollen wird alljährlich ani Schlußfeste feierlicher Umzug gehalten, es giebt Andächtige die sie küssen! Und wie steht es mit den Einleitnngs- und Schlußgebctcn dieses Sanktum? Mögen sie der Bibel entnommen sein, sie sind unannehmbar für uns, sowohl das WaejKi binsaua, als das uwiiucliaii. Beide sind offenbar ganz alte Nückerinnerungen an eine heidnisch angehauchte Borzeit. „Beim Öffnen der Lade rief Moses: steh auf Jehova, daß zerstreut werden deine 'Feinde, und deine Hasser vor dir" — so tautet es beim Öffnen des heiligen Schrankes, und entsprechend beim Schluß: „Und wenn die Lade ruhte sprach er: kehre ein Jehova zu den zahllosen Schaaren Israels. Auf, Jehova, zu deiner Ruhestätte, du und die Lade deiner Macht". Solche Sätze dürfen nicht mehr in einem Gottesdienst Vorkommen. Gewiß, in den christlichen Liturgien klingt Ähnliches wieder. Aber können wir aus solchen Atavismen Andacht und Weihe schöpfen? Der Schluß des uwnuchau enthält die Bitte: „erneuere unsere Tage wie vordem." Soll das eine Bitte um die alten Zeiten, eine Erneuerung des jüdischen Reiches mit Opfer-