Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 Ergebnissen der Religionswissenschaft wohlbekannte Lehrer nnd Prediger würde sich vor seinem wissenschaftlichen Gewissen scheuen, die sogenannte heilige Schrift, diese Sammlnng der erhabensten Geistesschätze der Welt, als Gottes Wort, als göttliche Offenbarung, und nicht vielinehr als Menschenwerk, als Reste einer tausendjährigen Litteratur anzusehen. Er wiirde im Gespräch mit Berufsgenossen, in wissenschaftlichen Arbeiten Bedenken tragen: Moses als den Verfasser der nach ihm benannten fünf Bücher, König David als Dichter der Psalmen, König Salonion als den des hohen Liedes, als Urheber des Predigers und der seinen Namen tragenden Sprüche zu bezeichnen, von den biblischen Erzählungen anders als von sinnigen Sagen nnd Legenden zu reden, die Schöpfungsgeschichte für einen wörtlich zu nehmenden Geschichtsbericht auszugeben. Seinen Collegen nichtjüdischen Glaubens geht es gemde so — wie hier beiläufig eingeschaltet sei. Aber — auf der Kanzel, .in der Religionsschule, da klingt es sofort anders. Da wird derselbe Grund betont, der vorhin hervorgehoben ward: daß die Alten von Kindheit aus gewöhnt sind, von der Göttlichkeit der Bibel zu höre» und daß man die Jungen den Alten nicht entfremden dürfe. Oder es wird auch das klugscheinende Wort gesprochen: „nehmt den Kindern, dem Volke nicht die Poesie, laßt ihm das Traum- und Phantasieleben der Kindheit; sie haben ihre naive Freude an dem kritiklosen Fürwahrhalten alles dessen, was seit Jahrtausenden geglaubt ward; stört sie nicht darin und überlaßt es ihren: eigenen Nachdenken, wie die höher Beanlagten von ihnen sich mit der Zeit vom alten Kinderglauben zur reineren Anschauung entwickeln." Das sind oftgehörte, vielbefolgte, höchst gefährliche Grundsätze, die sich von den Doetrinen eines mit Recht verpönten christlichen Ordens in Nichts unterscheiden. Religion ist das heiligste Empfinden des Herzens, das tiefste Denken des Geistes. Ihr ist Wahrheit die erste Regel, Wahrheit — allerdings Vielen ein relativer Begriff, allerdings oft bitter, und schwer zu erfüllen. Nicht immer und überall liegt klar auf der- Hand, was Wahrheit ist. Es mag richtig sein, daß man beim Unterricht vorsichtig verfahren, daß man z. B. vermeiden muß, dem Kinde Einblicke in Dinge zu geben, die es noch nicht verstehen kann, noch nicht kennen soll, deren vorzeitige Kenntuiß ihm schädlich sein würde. Das würde sich auch von Wahrheiten auf religiösem Gebiete sagen lassen, soweit es sich um philosophische Feinheiten, um bestrittene Fragen handelt. Aber die einfachen Wahrheiten, die sich dem Kinde bei nur einigem Umblick und Scharf- oder Spürsinn sofort ergeben: die der Nichtübereinstimmung biblischer mit naturgeschichtlicher Darstellung, biblisch wie talmudisch vorgeschriebener Bräuche mit häuslicher Übung, die Wahrheit der Wiederkehr altgriechischer Volkssagen in den Büchern der Richter und Könige — die sollten nicht verschwiegen werden, wenn der Religionsunterricht das sein soll, was er sein