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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-12-01 · Heft 12 (1.12.1893) · p. Seite 278

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 12 (1.12.1893)
Date
1893-12-01
Page
Seite 278 (sequence 14)
Language
German
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278 einfachem Gewände, absolut schmucklos — und dies ist ihr Schmuck und ihr Ruhm. Vergleicht man sie in dieser Hinsicht mit Homer — wie reich ist er, wie arm sie! Sie kennt keine Gleichnisse, sie kennt keine schmückenden Beiwörter; sie stellt die Sache hin, und nichts als die Sache, und so wirkt sie wie die Natur und die Wirklichkeit selbst und veraltet nicht und schwächt sich nicht, die Kultur mag steigen, so hoch sie mag. Wie Winter und. Frühling, Grab und Hochzeit den Menschen ohne Rücksicht auf Bildung für immer ergreift, so das Bibelwort." Diese ebenso wahre wie feinsinnige und mit unübertrefflicher Meisterschaft ausgedrückte Kennzeichnung des biblischen Wortes, wird in dem Vortrage durch eine Reihe biblischer Erzählungen mit Steinthal'scher Jnterpretationskunst erläutert. Steinthal schließt mit den Worten: „Vielleicht dient auch dieser Vortrag als Beweis für den Satz: Die Bibel und kein Ende!" Was könnte man zu diesem Schluß hinzufügen? Von gleicher Meisterschaft und Wirkung ist das litterarhistorische Bild, das der zweite Vortrag von den „Klageliedern Jeremiae" entwirft. Von der eigentlichen Hypothese Steinthals über den, resp. die Urheber dieser Lieder können wir hier absehen. Uns ist die Charakteristik und Auffassung des Einzelnen die Hauptsache. Lehrreich und geistvoll ist schon die Umschau, die Steinthal im Eingang auf dem weiten Felde der Weltlitteratur hält, um die Vergleichbarkeit, bezw. Unvergleichbarkeit unserer Klagelieder mit andern Erzeugnissen dieser Art zu prüfen. „Daß ein Volk seinen Tod besingen, daß es mit einem Schwanenliede im Munde seinen Geist aushauchen sollte, scheint kaum denkbar. . . . Ein Volk aber giebt es dennoch, das seinen Tod überlebt hat, ein Volk, welches das Wunder vollbracht hat, seinen Todesschmerz in dichterischen Tönen ausklingen zu lassen — das jüdische Volk in den Klageliedern Jeremiae. Daß solch ein Lied überhaupt nur gedichtet ward, ist das Wesentliche, ob es auch schön ist? Wer dürste das verlangen? Und doch — sollte der Volksgeist, welcher nun einmal die Kraft in sich trug, seine materielle Existenz zu überleben, nicht auch hohe, dichterische Kraft besessen haben? Die gerechte Beurteilung solcher Poesie aber könnte schwierig werden, weil die Gelegenheit zur Vergleichung fehlt. Die jüdischen Klagelieder sind absolut einzig." Von den hypothetisch angenonlmeneu Verfassern dieser Lieder sagt Steinthal, das Ganze treffend charakterisirend: „Sie haben das hohe Lied der Leiden und Schmerzen gedichtet — in echt menschlicher Weise." Auf die liturgische Verwendung der Klagelieder hindeuteud, schließt dieser Vortrag mit den Worten: „So dürfen Sie diese Klagelieder singen, wie ja auch die Kirche sie singt an den drei feierlichen Tagen vor Ostern; sie dürfen Sie singen, obwohl von der Zeit ihres Ursprungs durch Jahrtausende getrennt, nicht nur Jahrtausende der Umdrehung der Gestirne, sondern auch der Wandlung des Geistes der Völker. Wenn in dem Stil jener Frage: „Was ist ihm Hecuba, was ist er ihr?" Jemand uns fragen wollte: was ist euch Zion, was seid ihr ihr?" so würden wir „gelassen" antworten: Zion ist das innerlichste Bestandstück des Bewußtseins der neuen Völker. Wir dürfen also jene Lieder singen, auch in goldenen Synagogen, und da erst recht, ohne daß sie an erschütternder und erhebender und innerlich befreiender Kraft verlieren; die Söhne Zion's dürfen sie singen — auch als treue, innigst anhängliche Vollbürger der verschiedenen Culturstaaten." Diese Proben mögen nun genügen, um die Leser dieser gesch. Blätter erkennen zu lassen, welchen Schatz von Belehrung und Erhebung dieses verhältnismäßig nicht umfangreiche Buch Steinthals enthält. Es mögen daher nur noch die Themata der weitern in ihm vereinigten Vorträge und Abhandlungen folgen:

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