Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 276 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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276 Völkerpsychologie und gründeten zur Lösung der Aufgaben, die sie ihr stellten, im Jahre 1859 die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft," die sie bis zum Jahre 1890 auch gemeinsam Herausgaben — dieselbe erscheint seitdem in „Neuer Folge" als „Zeitschrift des Vereins für Volkskunde," herausgegeben von Prof. Dr. Karl Weinhold.Z — Der Terminus „Völkerpsychologie" war neu und das für sie in Anspruch genommene Wissensgebiet erschien ebenfalls neu. So konnte es nicht fehlen, daß inan sich gegen die „Völkerpsychologie," gelinde gesagt, ablehnend verhielt. Heilte hört und liest man nicht nur überall allerlei völkerpsychologische Schlagwörter, sondern anch ein so exacter Psychologe wie W. Wandt geht in der neuesten Auflage seiner „Physiologischen Psychologie" (1888) stillschweigend von der Thatsache aus, die Psychologie gliedere sich in Individual- und Völkerpsychologie. Es dürfte uns hier schwerlich gelingen, die Probleme der Völkerpsychologie in kurzen Zügen vorzuführen. Doch versuchen wir es, die Grundthatsache, von der sie ansgeht, an einem Beispiel zu erläutern, nämlich an dem Beispiel der Sprache, das uns ja hier besonders nahe liegt. Die Sprache hat nach Steinthal ihren Ursprung in der körperlichen und geistigen Organisation des Menschen, d. h. in dieser sind zunächst die natürlichen und psychischen Ursachen ihrer Entstehung zu suchen. Allein es bedarf wohl kaum mehr als einige Ueberlegung, um zu erkennen, daß sie hinsichtlich ihrer thatsächlichen Entwicklung an die Existenz einer menschlichen Gemeinschaft gebunden ist. Nicht bloß darum, weil in Wirklichkeit nur in einer solchen Anlaß und Gelegenheit zur Bethätigung der Sprachtriebe und das Bedürfnis der sprachlichen Mitteilung in genügendem Maaße gegeben sind, sondern noch viel wehr darum, weil nur da, wo eine Anzahl von Individuen unter den gleichen, äußeren und inneren Bedingungen in Gemeinschaft leben, die Gefühle nnd Vorstellungen derselben in dem Maße einander verwandt und gleich sind, daß ihre lautliche (sprachliche) Kundgebung von Seiten des Einen zum verständlichen Ausdruck für den Anderen bezw. alle übrigen Mitglieder der Gemeinschaft wird. Diese Gleichheit der Gefühle und Vorstellungen innerhalb einer gegebenen Gemeinschaft ist aber nicht bloß Produkt uitb Lebensinhalt eines allen Mitgliedern derselben gemeinsamen Geistes, sondern, einnial ins Dasein gerufen, auch schöpferischer Faktor des Gesamtheitsgeistes. Auch für dieses eigenartige Verhältnis ist die Sprache ein -besonders charakteristisches Beispiel. Die Sprache ist eine Hervorbringung des Geistes, aber einmal von diesem hervorgebracht, erzeugt sie ihrerseits Geist, d. h. Erkenntnis. Als Organ der Erkenntnis („Apperception") wird sie nicht zur Trägerin, sondern auch zur Mehrerin derselben. Und wie in der Sprache wirkt der Gesamtheitsgeist ailch in allen Lebenserscheinungen des Völkerdaseins. Ja, es werden dieselben erst als Schöpfungen und Erzeugnisse von Volksbezw. Nationalgeistern ihrem Wesen nach, richtig verstanden. Die hierhergehörigen Erscheinungen nach ihren psychologischen Gesetzen zu erforschen, ist Aufgabe der Völkerpsychologie. Sie umfaßt im Sinne ihrer Urheber in gleicher Weise Probleme der Ethnologie und Anthropologie, wie die Erscheinungen der Geistes- und Kulturgeschichte. Die vielen vötkerpsychologischen und sprachwissenschaftlichen Abhandlungen, Kritiken, Recensionen rc., die Steinthal in der erwähnten, von ihm und Prof. Lazarus begründeten Zeitschrift veröffentlichte, bilden beinahe ein Viertel der 20 Bände, in denen dieselbe bis zum Jahre 1890 erschienen ist. Von diesen sind 4) den» zeitigen Retter der Berliner Universität.