Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 275 Diese Bedeutung der Steinthal'schen Psychologie wurde neuerdings sogar von Prof. Hermann Paul hervorgehobm/) obschon derselbe in seinen „Prinzipien der Sprachgeschichte" der Lazarus-Steinthal'schen Völkerpsychologie entschieden entgegen trat. Gerade die Anerkennung von Seiten der sprachwissenschaftlichen Specialisten hat lange auf sich warten lassen. Die Psychologie war denselben, und zwar besonders den tonangebendsten unter ihnen, eine terra incognita. Sie sträubten sich daher gegen die psychologische Methode und Betrachtungsweise Steinthals; sie witterten in derselben metaphysische Spekulation und gaben sie als solche aus. Allerdings war die Psychologie beim Auftreten Steinthals vielfach nichts anderes. Aber gerade er gehört zu den Männern, die im Anschluß an Herbart die Psychologie zu einer empirischen Wissenschaft umgestalteten und derselben neue Bahnen eröffneten. Und obgleich von Hause aus Philologe und Sprachforscher, ein Schüler Boeckhs und Humboldts, schuf er in seiner „Einleitung zur Psychologie und Sprachwissenschaft" ein Werk, das, auch von seinem speciellen Zwecke abgesehen, zu den glänzendsten Leistungen der Psychologie der Gegenwart gehört, wie dies von den hierfür in Frage kommenden Fachmännern oft genug direkt, öfter aber noch indirekt anerkannt wurde. Von den direkten Zeugnissen führen wir nur eines an, das des Prof. B. Erdmann in Halle. In einem Aufsatze „Zur zeitgenössischen Psychologie in Deutschland mit besonderer Rücksicht auf Ribot, Th., La Psychologie allemande conteniporaine, Paris 1879"* 2 3) hält Prof. Erdmann Ribot vor, daß er die Hauptwerke Steinthals nicht geniigend kenne, daher auch dessen Bedeutung nicht vollkommen würdige, und fährt dann fort: „Ich halte sogar dafür, daß jenes Werk (Steinthals hier in Rede stehende Einl. in d. Psychol. n. Sprachw.) die gehaltvollste Leistung ans rein psychologischem Gebiete ist, die uns in den letzten Jahrzehnten geboten wurde. Eine Bestätigung dafür bietet die Thatsache, daß Steinthal allein unter Allen schulbildend gewirkt hat'Z) aus mehr als einem Kennzeichen folgt überdies, daß seine Wirksamkeit sich ans weitaus die meisten jüngeren Autoren erstreckt, die psychologische Fragen bei uns diskutiert haben. Vor allem seine eingehend entwickelte Theorie der Apperception gibt so einschneidende und zutreffende Fortbildung der Herbart'schen Theorie, daß sie für die nächste Zukunft ohne Zweifel, die Basis für hierhergehörige Untersuchungen bilden wird. Aehnliches gilt int Ganzen auch von seiner Auffassung der psychologischen Enwicklung der Menschen zur Sprache". Mit Steinthals psychologischen und sprachphilosophischen Arbeiten in engster Verbindung steht die von ihm in Gemeinschaft mit Prof. M. Lazarus in die Wissenschaft eingeführte neue psychologische Betrachtungs- und Forschungsweise, die sich über den engeren Kreis der Psychologie und Sprachwissenschaft hinaus auf alle Hervorbringungen des menschlichen Geistes erstreckt, sofern dieselben als Erzeugnisse eines Gesamtheitsgeistes anzusehen sind, wie z. B. Mythos und Sage, Poesie und literarische Schöpfungen, religiöser Glaube, Sitte, Recht u. s. w. Diese neue psychologische Betrachtungsweise bezeichnten Lazarus und Steinthal als *) Grundriß der germanischen Philologie, herausg. von Hermann Paul, Bd. I, Seite 117 f. Bergl. auch Seite 123 unten. 2) Avenarius, Vierteljahresschrift für wissenschaftl. Philosophie. Bd. 111, S. 393. 3) Hier wäre v. A. Gustav Glogan, Professor der Philosophie an der Universität Kiel, zu nennen, der sich ganz besonders die Aufgabe stellte, die Ergebnisse der Steinthal'schen Psychologie zu bearbeiten und zu verbreiten. Bgl. desselben Schristen: Steinthals psychologische Formen, zusammengestellt und entwickelt. 1876. Abriß der philosophischen Grundwissenschaften. 1880. Grundriß der Psychologie 1884.