Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1893)
- Date
- 1893-12-01
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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271 1573. Die Vertreibung der Juden aus dem Brandenburgischen ist die erste Kraftprobe des Protestantismus, der in Intoleranz gegen die Juden dem Katholicismus in Deutschland sich ebenbürtig zeigen mußte. 1593. Die Verbannung der Juden aus dem Kirchenstaate, in welchem wohl nur religiöse Beweggründe schon wegen des Hauptes der Christenheit angenommen werden sollten, scheint wohl nicht ohne Beigeschmack der Beraubungsgelüste in's Werk gesetzt worden zu sein, wenn, den letzten Anstoß dazu gab der Zorn Pabst Pius V., weil die Reichen und Vornehmen der wohlhabenden Gemeinde Bologna, auf deren Vermögen es abgesehen war, und denen es darum unter Androhung der schwersten Strafen untersagt war, die Stadt zu verlassen, durch Bestechung des Pförtners mit Frauen und Kindern dem Fallstricke entgingen und nach Ferara entflohen (Grätz IX 380- 381). 1670. Das Ende des 17. Jahrhunderts bringt die Ausweisung der Juden aus Wien und Niederösterreich. Diese ist zurückzuführen auf die fanatische Hetze der jesuitischen Umgebung des Kaisers gegen die «katholische Bevölkerung, worunter selbstverständlich die Juden am meisten zu leiden hatten. Die Kaiserin, eine spanische Prinzessin, drängte den schwachen, von Jesuiten erzogenen, ursprünglich zum geistlichen Stande bestimmten Kaiser Leopold zu diesem gottgefälligen (?) Werke der Judenauslveisung, welche für die Wiederaufnahme der Inden nach kaum 3 Jahren die Summe von 300000 fl. brachte (ebend. 263.) 1892 findet den Antisemitismus in voller Blüthe. In Deutschland und Oesterreich hat er bereits unsägliches Unheil angerichtet, und es ist nicht abzusehen, wann und wie er enden wird. Eine spätere objectivere Zeit wird über die Schuldigen zu Gerichte sitzen. Wären wir Juden schadenfroh, wir könnten uns freuen, daß der große Mann, der kleine Schöpfer des Antisemitismus in den wohlverdienten Ruhestand versetzt worden ist. Mag er ihn und die Antisemiten, die jetzt zur Schändung seines großen Namens sich an seine Fersen heften, jetzt abschütteln wollen; es wird ihm nie gelingen, sich von der Urheberschaft rein zu machen und die Kobolde, die er rief, die kann er nicht mehr los werden. Was der Große Deutschlands erfunden, haben die Russen echt russisch auszuführen, redlich sich bemüht, und die Juden Rußlands stehen heute, wenn sie nicht langsam zu Tode gemartert werden wollen, da wo genau vor 400 Jahren unsere Brüder in Spanien zum Wanderstabe greifen mußten. Das traurige Ende der acht Jahrhunderte in der Geseichte und dem Geschicke der Juden ist nicht Zufall, weil es einen solchen weder in der Geschichte noch im Leben einzelner Menschen oder eines ganzen Volkes gibt, sondern weil überall die strengste Ursächlichkeit und ein gesetzmäßiger Zusammenhang nach Ursache und Wirkung besteht, weshalb auch hierfür ein vernunftgemäßer Erklärungsgrund gefunden werden muß. Uebersieht man die Ereignisse, welche den jeweiligen Mißgeschicken der Juden vorausgingen, so sind es mit geringen Ausnahmen schwere sociale Verwicklungen, welche gerade, weil sie am Ende eines Jahrhundertes sich zeigten, eben durch den ^Gedanken an die abschließende Zeitperiode, mehr zur gewaltsamen Lösung, wenn eine vernünftige oder künstliche nicht möglich schien, als zu andern Zeiten drängte. Man wollte mit dem Ende der Zeit auch die unerquicklichen Verhältnisse beenden. Die Juden boten dazu das bequemste, am wenigsten verfänglichste Mittel, die sicherste Ableitung. Sie besaßen ja das einzige Zauberwort zur Lösung der socialen Frage für alle Stünde: „Geld." Sie waren unter allen