Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1893)
- Date
- 1893-11-01
- Page
- Seite 263 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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263 Staate unserem Verfasser so selbstverständlich, daß nichts verständlich ist. Er behandelt die Frauenfrage, ohne eine befriedigende Lösung derselben zu erzielen. Hingegen schweigt er von dem wichtigsten Punkte, vom Verhältnisse des Capitals zur Arbeit, von dieser weltbelvegenden Frage, die die Zukunft herbeiführen wird indem sie die Gegenwart stürzt. Die Lösung der sozialen Frage ist nicht einmal versucht, der ganze Roman ist voll von langweiligen Reden, unter welchen diejenige des Hohenpriesters, Rabbi Ahrons Kohns an erster Stelle steht. Es würde diesem Hohenpriester mit einer solchen Rede schwer fallen, heute ein Predigeramt zu erreichen — in jenem Schlaraffenland wird er Hoher Priester. — Aber auch von jüdischem Standpunkte ließe sich gar vieles gegen das Buch einwenden. Dürfte ein so schläfriges, ohne Mark und Rückgrad beschaffenes Judentum wie er uns vorführt die Utopie des Judentums sein? Soll all der lügenhafte Flitter, die Ursache modernen Elends auch in einem Zukunftsstaate der Juden zu finden sein? Und soll die Zukunft Israels nicht em besseres Buch verdienen als das vorliegende. Nein, in ein solches, auf Aktien gegründetes Palästina wollen wir nicht zurückkehren, da bleiben wir lieber hier, und warten schön ruhig die natürliche Entwickelung der Dinge ab, diese wird uns nicht so ungünstig sein, wie diejenige Zukunft, die uns Herr Osterberg-Verakoff bescheert hat. Das väterliche Erbe ist uns viel zu teuer, als das wir unsere Hoffnungen uni eine solche Zukunft hingäben. Und traurig wäre es um die Menschheit bestellt, wenn noch nach vierthalb Jahrhunderten solche Verhältnisse bestünden, wie sie dieser Roman darstellt. Es ist dies kein Zukunftsbild, sondern ein Bild gesellschaftlichen und moralischen Rückschrittes, und würde unsere Aufmerksamkeit nicht verdienen, hätte er solch reaktionäre Ansichten nicht den Juden in die Schuhe geschoben, die immer an der Spitze der Menschheit marschiert sind. Fast möchte ich glauben, der Verfasser sei ein verkappter Antisemit, wenn seine glühende Liebe zuin Judentnme stellenweise nicht Hervorbrüche, und dieser zu liebe wollen wir ihm den Fehler Nachsehen, dieses Buch geschrieben zu haben. Mißlitz, 10. September 1893. Rabbiner Dr. L. Goldschmied. Im Oktoberhefte des „(-lentleman’s Magazine“, einer der ältesten Monatsschriften in London, erscheint ein längerer Artikel über Moses Mendelssohns Charakter und Schriften aus der Feder des Rabbiners Dr. Joseph Strauß. Fm Verlage von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1893 ist erschienen: Patriarchenbilder in Sabbath-Vorträgen für die Jugend. I. Abraham, gehalten von Dr. Adolf Knrrein, Rabbiner, Prediger und Religionslehrer am Gymnasium. In unserer Zeit, in der die Jugendgottesdienste immer mehr zur Geltung kommen, werden diese Reden des gewandten Schulmanns und Predigers in vielen Kreisen willkommen sein, da sowohl Prediger daraus manche Anregung für Form und Inhalt ihrer Vorträge gewinnen und dieselben auch als Schul-, Haus- und Familienbuch sich sehr eignen. Die neue Religio». Begründung und Entwurf einer Religion der Zukunft. Von einem Ungenannten. Preis 50 Pfg. Verlag von Gebr. Harz, Altona (Elbe). Das Buch gibt eine den Ergebnissen der modernen Wissenschaft und den Anschauungen der Neuzeit entsprechende Antwort auf die tvichtigste und bedeutungsvollste Frage unseres Daseins: „Was ist und was soll das Leben?" Es will die religiösen Anschauungen der Menschheit auf neue einheitliche Bahnen lenken und versuchen, der in Aussicht stehenden Neuordnung der Dinge einen inneren Halt und eine natürliche, sittliche Begründung zu geben.