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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-11-01 · Heft 11 (1.11.1893) · p. Seite 260

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 11 (1.11.1893)
Date
1893-11-01
Page
Seite 260 (sequence 20)
Language
German
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— 260 — Weater, Wustk und bildende Kunst. Ein von Anton Rnbinstein erzähltes Ereignis, welches ihm in seinen Jünglingsjahren begegnete, zeigt in einem ungeschmeichelten Bilde, wie die russische Regierung sich ihrer Obliegenheiten entledigt. In diesem Berichte ist von seiner Abstammung mit keiner Silbe die Rede, es geht jedoch aus demselben deutlich hervor, daß ohne Zweifel seine jüdische Nationalität bei den Beamten, deren Rohheit und Unwissenheit hier geschildert werden soll, sehr in's Gewicht fiel. Anton Rnbinstein wurde schon in seiner Jugend nach dem „zivilisierten Westen", wie er den übrigen Teil Europa's nannte, geschickt, um dort erzogen zu werden. Im Alter von 20 Jahren kehrte er nach Rußland, seinem Geburtslande, zurück, mit der Absicht, sich daselbst niederznlassen und der Musik zu widmen. Kaum hatte er jedoch die Grenze überschritten, so würde ihm sein Paß abgefordert und, da er eineil solchen nicht vorzeigen konnte, wurde er von einem Beaniten zum andern herumgejagt, von denen jeder den andern in Versuchen, den Gehetzten zu kränken und ihm unnötige Verlegenheiten zu bereiten, zu überbieten suchte. Sein verletztes Ehrgefühl, durch den Entschluß, sich an höhere Instanzen zu weuden, beruhigend, begab er sich zu dem Gouverneur Schulgin. Die hohe Stellung dieses Herrn war jedoch ohne veredelnden Einfluß auf seine Sitten geblieben, was sich daraus ergiebt, daß er den künftigen Meister in der musikalischen Kunst mit folgenden Worten anherrschte: „Ketten! Ich werde dich in Ketten legen und nach Sibirien schicken lassen." — Von jenen Tagen, sagt Rnbinstein, redeten die Generäle die Personen meines Standes immer mit „Du" an, welches Wort man in fast allen europäischen Sprachen nur gegen Subalterne, Dienstboten u. dgl. Leute gebrallcht. Wie Rubinstein aus den Klanen dieses Eisenfressers herausgekommen war, dessen ivnßte sich derselbe selbst nicht mehr genau zu erinnern. Zu jener Zeit aber fand gerade ein großes Hofkonzert statt, bei welchem Rnbinstein mitzuwirken die Ehre hatte. Mehrere Personen von hoher Stellung, welche ihn kannten, warfen Schnlgin seine Rohheit und Unwissenheit vor. Wie konnte dieser auch einen so berühmten Musiker, der sogar am Hofe empfangen wurde, so behandeln? Rubinsteins Sorgen hatten jedoch hiermit ihr Ende noch nicht erreicht, denn sein Paß war noch nicht eingetroffen und er einstweilen nur geduldet. Er wendete sich daher zunächst an den General Galachoff. Nachdem man ihn drei Stunden hatte antichambriren lassen, wurde er endlich vorgelassen. „Nun kleiner Mann, ich habe am Hose von Dir gehört; Du bist wohl so eine Art Musikant, he? Ich glaube dieses aber noch nicht, so lange ich nicht den Beweis dafür erhalten habe. Begieb Dich daher sofort zu meinem Hofsekretär Tschesnvk und spiele ihm etwas vor, damit er sich von Deiner Geschicklichkeit überzeugen kann: Tschesnvk ist ein Mnsikkener." In dieser ordinären Weise pflegte General Galachoff in seiner amtlichen Stellung einen gebildeten Mann anzureden. Als Rubinstein in das Zimmer Tschesnvks getreten war, lud dieser ihn ein, sich an einen elenden Klimperkasten zu setzen. Rubinstein wußte trotzdem demselben mächtige Töne zu entlocken, welche die Erbitterung und den Abscheu interpretirten, die eine solche Behandlung ihm eingeflößt hatte. Das Instrument krachte unter seinem Anschlag und es schien beinnahe, als wollte es jeden Augenblick in Stücke zerfallen. Tschesnok hörte geduldig zu und begleitete alsdann den kunstbegabten Jüngling zu seinem Vorgesetzten. „Ganz recht, Ew. Exeellenz," bezeugte er, „Rubinsteiu ist wirklich ein Musiker; er kann spielen." Dieses Zeugnis

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