Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1893)
- Date
- 1893-11-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2969669-2969795-2969807--4003-2973565- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
254 eine doppelte Zahl der Juden nach Frankreich zulasten möchte, wenn er 'nur wüßte, daß unter ihnen sich eine einzige Rachel befinden würde. So verfolgt der gelehrte Verfasser alle Erscheinungen des öffentlichen Lebens und beweist auf Schritt und Tritt die Wichtigkeit der Rollen, die die Juden spielen. Er begnügt sich aber mit der Feststellung der Thatsachen, ohne ihre natürlichen Folgen davon nbzuleiten. Und er thut recht daran. Bis jetzt, halten wir erst dort, daß wir in der Lage sind, die Ursache der Krankheit zu entdecken, die Mittel der Heilung sind uns noch nicht bekannt und diese zu finden ist unter den heutigen Verhältnissen eine nahezu unlösbare Aufgabe. Die Krankheit ist nämlich noch immer in Entwickelung begriffen, der Wendepunkt ist noch nicht erreicht. Und es ist fraglich, ob wir bei der Aufdeckung der Krankheits-Ursachen mit der nötigen Aufrichtigkeit Vorgehen und alle Mängel unseres sozialen Lebens mit unerbitterlicher Strenge aufdecken, um dadurch den wunden Punkt, dessen Heilung wir erreichen wollen, klar zu legen. Haben wir den Mut, all die kleinen und großen Uebel des sozialen Lebens offen und frei zu besprechen und den Antisemitismus als einen Ausfluß desselben, als eine ausschließlich soziale Frage zu bezeichnen. Es ergeht uns heute nicht besser, wie es uns im Laufe der Geschichte ergangen. Auf Ungerechtigkeit folgt Hohn, auf Duldung Verspottung. Wir haben es mit der Schweigsamkeit versucht und wir sind zur Ueberzeugnng gelangt, daß die von uns befolgte Stranßvvgel-Politik den Antisemitismus großgezogen hat. Es muß nun die andere Richtung eingeschlagen werden. Aus moralischem Gebiete muß nun auf Schlag ein Gegenschlag folgen. Auf physischem Gebiete wollen wir diese uns dnrchwegs fremde Taktik nicht befolgen, denn nur tragen schon seit Jahrtausenden den Segen, daß wir nicht „vom Schwerte leben." Desto kräftiger müssen wir aber uns auf moralischem Gebiete organisiren. Ein jeder, dessen Stimme von Bedeutung ist, muß sie erheben, um die sinnlosen Angriffe gegen das Judentum, die richtiger als Angriffe gegen die Vernunft betrachtet werden können, abzuwehren. Allein in einer Zeit, wo Worte wie „Toleranz" und „Liberalismus" so oft mißbraucht werden, lohnt es der Blühe, die klare Bedeutung dieser Worte darzulegen und kommt dann die Zeit, wo diese Ausdrücke nicht leere Worte, sondern auch Begriffe sein werden, dann wird ein solches Unternehmen nach Gebühr gewürdigt "werden. Unter den heutigen Verhältnissen sind wir Juden, ist ein jeder Freund der Wahrheit und Gerechtigkeit dem großen Gelehrten zum doppelten Danke verpflichtet, den teilweise abgetragen zu haben, der hauptsächliche Zweck dieser Zeilen ist. Mißlitz. Dr. Leopold Goldschmied, Rabbiner. Won als sch au. Am 24. September starb in Landau Herr Dr. Elias Grünebaum, Rabbiner in Landau, Pfalz, im Alter von 86 Jahren. Er hat in seinem Amte seit dem 25. Juni 1886 gewirkt. In dem Verblichenen verliert der israelitische Bezirk Landau einen Mann, der neben vorzüglichen Charaktereigenschaften allgemeines Wissen in ganz hervorragendem Maße besaß. Große Verdienste hatte er sich erworben durch Hebung des israelitischen Schulwesens; er entfaltete neben