Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1893)
- Date
- 1893-11-01
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969795-2969807--4001-2973563- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
252 der Raren sich mit bciu Kleide Ehristis bedecken könne», ebensowenig wird eine, sich himdert Jahre nach 1789 erniedrigendes, die religiöse Freiheit und die bürgerliche Gleichheit beschränkendes Frankreich je von der Welt anerkannt werden. Es gereicht dem französischen Verfasser zur besonderen Genilgtnnng, diesen Haß der Raren dem ..out re-Rlmr- Deutschland znschreiben zu können, denn der wahre Antisemitisimls stammt ans Deutschland. Die jndenfeindlichen Strömungen und Gesetze des großen Zarenreichs beruhen nicht auf einem Hasse der Racen, sie sind ein Änsflnß der nationalen und religiösen Rnssifizirnngsversnche, denen alle andere Konfessionen und Rationalitäten unterworfen sind. Trotz dieser Scheidewand, muß es aber unser Verfasser im Laufe seiner Untersuchungen zugeben, daß auch unser Antisemitismus nieder in nationalen noch in religiösen Verschiedenheiten seine Begründung findet. Die heutigen Inden, die eine fortwährende Völkerwandernng initmachen mußten, und demzufolge sieh mit den übrigen Nationen assimilirt haben, sind ebensowenig Semiten, wie ihre Gegner Arier sind. So fließt in den Adern des katholischen Adels Spaniens ebensogut semitisches Blut, >vie in den Adern der echt jüdischen Bewohner Polens und Rumäniens ein Tröpfchen arischen Blutes fidj hin und herrvllt. Kann aber der Antisemitisnnls auf nationale Differenzen nicht Hinweisen, so kann er sich noch viel weniger mit dem Vorwände religiöser Verschiedenheit decken, tritt er doch oft selbst der Kirche entgegen, wenn diese sich endlich einmal dazu bewegen läßt, ein günstiges Wort für die Inden einznlegen. Und in unserer Zeit, wo um* die Massen alles, die Minderheit nichts bedeutet, kann sieh dieses kleine Häuflein Juden etwas einbilden, wenn es sieht, wie die ganze Gesellschaft sich vor ihm fürchtet. Und doch bietet das Judentum, wie es Lervy-Beanlieu gründlich erweist, keine Ursache für eine solche feindselige Behandlung, denn seine Verdienste als Träger der Kultur, als Zwischenhändler unter den Völkern sind nicht zu unterschätzen. Durch zweifache Mauern, durch diejenige, welche das ans die kleinsten Einzelheiten sich erstreckende Gesetzbuch des rabbinischen Judentums erhoben hat, und durch diejenige, welche eine feindliche Gesetzgebung allen Nationen durch lange Jahrhunderte errichtet hat, durch diese zweifachen Mauern von allen Völkern und Nationen abgesondert und ans sieh selbst angewiesen, konnte das Judentum die schädlichen Einflüsse moderner Kultur von sich ferne halten. Und auch diejenigen Juden, die Söhne einer freieren Zeit sind und die im Strudel des modernen Lebens sieh befinden, bewahren noch immer die Zähigkeit und Ausdauer, der sie das Leben verdanken. Alan findet bei ihnen alle Tugenden ihrer Mitbürger und haben sie auch Fehler, so sind diese nur eine Folge der Jahrhunderte anhaltenden Bedrückung und Knechtung und wir haben — so sagt der Verfasser — das wenigste Recht, uns ob solcher Fehler der Juden zu beklagen, die wir ihnen aufgebürdet haben. Mit einem beispiellosen Hang für seine althergebrachten Sitten und Unsitten, vereint der Jude eine glühende Leidenschaft für Alles, was modern ist, er ist in einzelnen Staaten, wie z. B. in Ungarn, der mächtigste Träger der nationalen?dee, in den meisten Ländern aber dasjenige Element, das die verschiedenen nationalen Gegensätze vereint und ansgleicht. Diese nivellirende Thütigkeit der Inden erklärt ihren großen Nutzen für alte Länder. Und wenn die Gegner des Judentums ihnen den Vorwurf machen, daß sie das nationale Ideal erniedrigen, so ist dieser Vorwurf, wie viele andere, höchst ungerecht, denn man kann es nicht leugnen, daß die Ideale der Menschheit erniedrigt sind, daß sie nicht mehr jene hohen Stufen cinnehmen, wo sie noch Ideale sein konnten. Daran sind aber die Inden am wenigsten Schuld. „Der Jude droht den deutschen