Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1893)
- Date
- 1893-11-01
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 kranken Körpers, die wir beobachten können. Und wie alle diese Krankheiten, so ist auch der Antisemitisnms eine moderne Erscheinung. Ans den ersten Augenblick scheint dies ein Paradoxon zu sein. Denn wir Inden hatten nie Gelegenheit, uns einer besonders liebevollen Behandlung seitens unserer Mitbürger zu erfreuen. Hat man uns umarmt, so geschah es um uns zu erdrücken. Hat man uns geliebkvst, dachte man nicht an unsere Borteile, hinter den süßen Worten lauerte der Dolch, und das freundliche Lächeln der großen Herren bedeutete für das Judentum neue unerschwingliche Abgaben und Lasten. Und wenn sie noch mit Hinterlassung ihres Vermögens entrinnen konnten. Doch wie oft lauerte ihnen und ihren Kindern der grimmige Feind auf um ihnen das Leben oder den Glauben zu rauben — und die Juden gaben lieber das erstere hin um den Glauben zu retten. In diesem Sinne ist der Judenhaß zumindest so alt, wie unsere Zeitrechnung. Doch der wesentliche Unterschied zwischen Judenhaß und Antisemitismus besteht im religiösen Momente. Der angebliche Zweck der früheren Judenverfolgungen war die Bekehrung der halsstarrigen Juden zur alleinseligmachenden Kirche. Sie gingen daher von der Kirche ans. Der moderne Antisemitismus, kümmert sich um das religiöse Prinzip nicht, ihm ist es um die Race zn thun, und wendet sich dort, wo die Kirche nicht ein gefügiges Werkzeug in seinen Händen sein will, gegen diese und die Schlange verwundet den Busen in dem sie so lange und so sorgfältig gehegt wurde. Aber auch in einer anderen Beziehung ist der Antisemitismus einer Schlange zu vergleichen. Er führt eine glatte Zunge, und versteht es vortrefflich, die Sprache der vorherrschenden Zeitströmung zu sprechen. „Er ist ein Kind seiner Zeit, er versteht die Sprache seiner Zeit, er hat die deutschen Universitäten mitgemacht, hat Darwin studiert, unter Bismarck gedient; er hat eine Ahnung von Malthus und der Oekonomie, besonders aber von den „Socialisten der Kanzel," er liebt es, die Gesetze der Geschichte für sich anzuführen und spielt mitunter den Pedanten." Gegen diese Schlange wendet sich nun das neueste Werk des Anatole Lervy-Beanlien' > das schon bei seinem Erscheinen in der Revue des deux mondes ein berechtigtes Aufsehen hervvrgernsen hat. Derjenige, der das Werk unseres Verfassers über Rußland kennt -) wird ihm die ganze Wissenschaftlichkeit und die Richtigkeit seiner Urteile nicht absprechen können. Zu dieser Unparteilichkeit und Aufrichtigkeit gesellt sich nun ein französisch sprudelnder Esprit, und dies alles in einein Style, um welchen ihn Renan hätte beneiden können. Eine Tiefe der Beobachtung, die wir nur bei den modernen Physiologen finden und eine offene männliche Sprache, wie wir sie heute nur selten zu hören bekommen — das ist der kurze Sinn all dessen, was wir über das Werk von Leroy-Beaulieu sagen können. Schon der einleitende Satz, mit welchein er sein Werk beginnt, läßt den tapferen mutigen Kämpfer erkennen, der nicht der Stimme seines Herzens, sondern den Gründen der Vernunft und der Wissenschaft Gehör gibt. „Oe livre a ete ecrit. par uu chretien et an fran<;ais“ und diese zweifachen Eigenschaften, sein Christentum von der einen, sein Franzosentnm von der anderen Seite legen ihm die Pflicht ans, gegen eine Strömung sein Wort zu erheben, die sowohl seinem Glauben, als auch denjenigen Gedanken, die als geistiges Erbe der französischen Revolution bezeid)net werden können, zuwider ist. Sv wenig wie die Kämpfe x) Les juifs et l’antisemitisme: Israel cliez les nations par Anatole Leroy-Beaulieu de rinstitut. II edition Paris Calmann Levy 1893, 8°. 2) L’empire des Tsars et les Kusses in der Kevue des deux mondes, 1876.