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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-11-01 · Heft 11 (1.11.1893) · p. Seite 242

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 11 (1.11.1893)
Date
1893-11-01
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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zur Seite steht, die uns lehrt Milt fassen und voll Hoffnung und Vertrauen zu Gott aufblicken, zu Gott, unserem Vater im Himmel, der da ist unser Licht und unser Heil, unser Fels und unsere Burg, unser Trost und unsere Freude. Und gilt dies von jedem Einzelnen von uns, mit wie viel mehr gilt es von der großen geistigen Gesamtheit, der wir angehören, von Israel dem alten Gotteskämpfer, für das Erinnerung an die Vergangenheit ebensowohl eine ernste Mahnung, als auch eine trostvvlle Verheißung in sich birgt. Denke, Israel, an die Tage deiner lichtvollen Vergangenheit, ruft das heutige Fest uns zu. Ergieb dich nicht dem Augenblicke allein, befrage die Jahre der früheren Geschlechter und lebe nicht gedanken- und planlos lvie einer, der nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen hat, in den Tag hinein, tauche deinen Geistesblick in Ewigkeit und erhebe dich zu dem reinen Lichte deiner Religion. Der alte erhabene Geist des Judentmns, wie ihn unsere großen Denker und Dichter gelehrt und verkündet haben, er soll wieder lebendig werden in uns selbst, lebendig werden in unseren Häusern, lebendig werden in unseren Gemeinden, ans denen nur ihn vertrieben und verbannt haben, nicht zu unserem Segen nnd nicht zu unserem Heile, denn es ist der regelmäßige Gang der geschichtlichen Thatsachen, wie die Erfahrung lehrt, daß immer die äußere Erniedrigung Israels auch mit als Folge seines inneren geistigen Verfalles anzusehen ist und daß wir durch Vernachlässigung und durch Zerstörung des Geisteslebens uns selbst nur Unheil und Verderben bereiten. O wie haben wir auch im abgelanfenen Jahre das Judentum, diese herrliche, erhabene, unvergleichliche Lehre, die einen so reinen, reichen Kern in sich birgt, der unzerstörbar ist, ob auch Feinde von außen und von innen es nicht ahnen und nicht sehen, vernachlässigt und geringschätzig behandelt, wie hat diese erhabene Lehre auch im abgelanfenen Jahre gelitten, gelitten durch unsere Thorheit, gelitten durch unseren Unverstand, gelitten durch unseren Hochmut, gelitten durch unsere Gleichgültigkeit. Wir können uns wahrlich nicht rühmen, daß in unserer Zeit der reine Geist unserer Lehre in unserer eigenen Mitte zur Geltung und zur Anerkennung gelangt ist, und wie könnten wir erhoffen, daß ihr von außen die gebührende Achtung und Würdigung entgegcngebracht werde. Hier werden die Formen hintangesetzt, dort sogar die Unformen vergöttert, aber der alte herrliche Geist unserer Lehre, der uns Alle mit Wärme und Innigkeit mit Liebe und Begeisterung erfüllen sollte, der ist da nnd dort nicht anzutreffen und die Stinmien der Zeit, die wie Posaunenklang an unser Ohr dringen, werden da und dort nicht verstanden Wir sehen hier Entfremdung und dort Erstarrung, hier Teilnähmlosigkeit und dort Verstocktheit, hier unnützen Eifer für das Nichtige und dort klägliche Gleichgültigkeit gegen das Wichtige, aber auf beiden Seiten Zersetzung, Verkümmerung und Verfall. Israel, ruft das heutige Fest uns zu, laß die Erinnerung an die Vergangenheit dir eine ernste Mahnung sein, nimm von Neuem die großen Gedanken derselben in dir auf, setze nicht das Nützliche über das Notwendige, das Zeitliche über das Ewige, das Niedrige über das Hohe, das Menschliche über das Göttliche, besinne dich auf deinen Beruf, ans deine Sendung und laß nicht im Kampfe um's irdische Dasein deine geistigen Ziele aus dem Auge, denke an die Tage der Vergangenheit, denke an den kühnen Aufschwung, den das Judentum in den früheren Jahrzehnten dieses Jahrhunderts genommen und denke an den kläglichen Rückschritt, dem es am Ende desselben in unseren Tagen nicht ohne unsere eigene Schuld verfallen ist, denke daran, lerne daraus und bessere es.

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