Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 228 wenn auch nur mittelbar, den Vorurteilen, Verdächtigungen, Angriffen und der Gehässigkeit gegen uns immer neue Nahrung zu. Die matte Gleichgültigkeit dieser höheren Gesellschafsklasse gegen das Judentum wird nämlich nicht als das Ergebnis eines individuellen Bildungsganges betrachtet, wie man ja auch die souveräne Geringschätzung der Religion überhaupt hinzustellen pflegt, sondern jene läßt die Vermutung aufkvmmen, daß sie nur einer directen Abneigung speciell gegen alles jüdische eiltstamlnt. Auch wird nie und nimmer das Ansehen der Gebildeten und Vornehmen erhöht, wenn sie nicht mit ganzer Seele an der religiösen Vereinigung hängen, der sie angehören. Wer nicht vom Werte seines eigenen Stammes durchdrungen ist und nicht mit Liebe daran hängt, der wird von Andern selbst dann nicht geschützt, wenn er noch so sehr von dem Geiste all seiner Mitbürger erfüllt ist und noch so eifrig am Wohle des gemeinsameil Vaterlandes mitarbeitet. Die gegeiuvärtige Zeit fordert in erster Reihe von den Gebildeten unter uns mit gebieterischer Notwendigkeit, daß sie sich aus lebendigem Herzensdrange und mit freudiger Hingebung dem Dienste der jüdischen Gemeinschaft znwenden und beweisen sollen, daß sie ihre Anhänglichkeit für ihren Stamm nicht infolge äußeren Zwanges unserer Zeit, sondern ans innerer Lust und Liebe, ans unzerstörbarer Znsammenstiinmnng belvahren. Die freie, offene, warme Teilnahme aller gebildeten Inden für das Indentnm, ihr Einstehen mit der Vollkraft ihres Wissens und Könnens wäre der lebendigste, entschiedenste Protest gegen gehässige Beschuldigungen und Verdächtigungen. II. Vajkadesch es liaam. „Und er heiligte das Volk" Mose begnügte sich nicht damit, daß er sich zum Volke herabließ, Vajkadesch es liaam, er erhob auch das Volk zu sich empor. Er wollte seinen Stamm auf jene sittliche Höhe erheben, auf welcher er selbst gestanden; sein heißestes Streben ging dahin, das Volk zu veredeln, zu heiligen, damit in Israel nur Sittenreinheit und lauterste Gesinnung sich entfalten sollten. Gleich Mose muß auch nun Jedermann unter uns in diesem Sinne ohne Ausnahme wirken. Wenn der Ausspruch unserer Weisen: Kol jisvael arebim se böse, „jeder Israelin' muß moralische Bürgschaft für seine Genossen leisten", je sich im Leben betätigt hat, so ist es gewiß in unseren Tagen durch unsere Widersacher geschehen. Die ganze jüdische Gemeinschaft als solche,wird sürdieSchwächen und Vergehen Einzelner verantwortlich gemacht. Für unsere Fehler und Gebrechen hat man gar scharfe Augen, unsere Verdienste, Vorzüge jedoch finden wenig, oder gar keine Beachtung. Hat sich einmal Einer von unseren Glanbensbrüdern durch verdienstvolle Handlungen ausgezeichnet, die auch unseren Gegnern Achtung abringen, so hört man gleich die wohlseile Verkleinerung: „Wie schade, daß er jener Religionsgenossenschaft angehört, er steht vereinzelt da, er ist unreine, in die Augen fallende Ausnahme." Mehr den» je, ist darum heute die Pflicht eines jeden Einzelnen unter uns: Kedusclmtli liaam. die Heiligung der jüdischen Gesamtheit! In früheren Zeiten galt es stets als Gradmesser für die Beurteilung und Würdigung der Handlungen Einzelner, ob sie zum Kiddusch Haschern, zur Verherrlichung, oder znm Chiliul Haschern, zur Entweihung des göttlichen Namens beigetragen haben. Das Wort ..Schein" hat im Hebräischen eine doppelte Bedeutung: es bedeutet das denkbar Höchste, nämlich: Gott; zugleich aber auch das, was heute leider, als das Niedrigste gilt, nämlich: Sem. Heute müssen wir daraus Rücksicht nehme», daß durch uns Ividdusch Haschern, der so arg