Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Menschentum und auf der Hohe seiiies Berufes und Wirkens darstellt. Unser Gesetzgeber ist nicht für sein Volk gestorben, nein, er hat und das ist viel schwieriger! - für sein Volk gelebt. Und wie er gelebt, darin steht er einzig und unerreicht da, ist er vorbildlich für alle Zeiten und so auch für unsere Tage geworden. So wir sein Leben an der Hand unseres festes betrachten, werde» tvir zur wahrhaftigen Erkenntnis unseres Berufes und zur Erfüllung unserer Pflichten in dieser uns so schivere Prüfung auferlegenden Zeit gelangen, und die Bahn betreten, ans welcher die ersehnte Ruhe unserer Seele zn finden ist, hier >vird uns klar werden, was jeder einzelne Jude zu. thnn hat, nämlich: zuvörderst sich selbst zu heiligen und zu vervollkommnen; dann als dienendes Glied der Gesamtheit des Judentums sich anznschließen und dadurch ein Ganzes zu werden; gleichzeitig aber auch die jüdische Gemeinschaft zn weihen, zu heiligen! — I. Meine andächtig Versammelten! Ter Mensch als Einzelner bildet in der geschlossenen Reihe der Gesamtheit die Mette, welche die gemeinsame» Bestrebungen llnd Interessen unseres ganzen Geschlechts znsaininenznhalte» und zu einigen bestimmt ist. Nur von diesem Gesichtspunkte ans betrachtet, hat dasLeben seinen Reiz und erfüllt es seine hehren Aufgaben. Ans solche Weise gewinnen wir erst eine unerschütterliche Stellung all den zahlreichen Pflichten gegenüber, ivelche Religion, Staat und (Gesellschaft uns stündlich aufcrlegen. Hieraus folgt, das; jeder Einzelne als solcher verpflichtet ist, jene Summe von Fähigkeiten und Kräften, welche Gott uns als ein heiliges Besitztum gespendet, voll und ganz zu entfalten, diesen köstlichen Schatz „clielek eloha mimaal," als ein herrliches Angebinde des Himmels zu feinem eigenen Besten und zu seiner eigenen Vervollkommnung zu verwerten. Für den ersten Augenblick erscheint wohl eine solche Thal der Selbstsucht und des Eigennutzes als eine unberechtigte und unstatthafte, denn sie rviderstrebt unseren Anschauungen betreffs der idealen Pflichte», ivelche wir der Gesamtheit schulden, aber — es scheint nur so. Denn je mehr wir au der Heiligung unseres Selbst arbeiten, je vollkommener wir nach jeder Richtung hin werden, aus je festeren Grundlagen wir das eigene Reich des misterblichen Geistes anferbanen, desto zielbewußter, thatkräftiger uild erfolgreicher könne» wir an die Erfüllung der Aufgaben der Gesamtheit gehen. Eine solche, aber auch nur eine solche Selbstsucht hat nichts gemein mit dem gewöhnlichen Begriffe des Eigennutzes, welcher nur seine engherzigen Zwecke verfolgt, ohne Rücksicht auf die edlen und selbstlosen Bestrebungen des Ganzen. Auch hierin ist uns Mose Vorbild und Leitstern geworden. Er, der Inbegriff aller Fähigkeiten und Gaben, arbeitete in gleicher Weise Jahrzehnte lang unausgesetzt und mit unendlicher Beharrlichkeit in erster Linie an seiner eigenen Vervollkommmcng. Nur ein so vollkommener Mann, der vor Allem an sich selbst die innere Heiligung und Läuterung vollzogen, war imstande, ein großes Sklavenheer zu einem Volke zu erziehen. Vajered Mosciieh min lialiar el lnuun. „Mose stieg vom Berge zum Volke herab." Er selbst mußte erst die sittliche Höhe erreichen, um sich zum Volke herablassen zn können. Und das ist eben die schönste Perle im Diadem seiner Tugenden, Va.jeml Moscheh min hahar el haam, daß er sich von der Höhe seiner Vollendung in die tiefen Niederungen des Volkes herabließ. Diesem Gedanken geben auch unsere Weisen Ausdruck, indem sie sagen: Keschealah lamorani nikva iscli. ncheschejarad nikrali elohim. Als Mose den Berg hinanstrebte, war er bloß der große Mann, dessen Seele sich zum Allerhöchsten auszuschwingen versuchte, als er sich aber znm Volke herniederließ, trat bereits sein göttlich Teil klar zn Tage.