Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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225 heiligere Ausgabe zurück, uns nicht au dem Maßstabe des materielle» Erfolges, souderu dem unseres sittliche» Wolleus und Könnens zu messen und zu prüfen. Doch wie man ein gesangliches und musikalisches Kunstwerk erst dann vollständig erfaßt hat, wenn die Aeeorde und Melodien, selbst nachdem die Tone schon längst verrauscht sind, noch immer durch unsere Seele vibrireu, so wirken auch die Feiertage auf unseren Geist und unser Gemüt, nur dann erhebend und veredlend, wenn die rastlose Geschäftigkeit des Alltags von der Weihe des Augenblicks durchdrungen ist, so daß auch unser Werktag einen festlichen Anstrich bekommt. Werfen wir nun einen flüchtigen Blick auf das Getriebe des Alltagslebens nicht nur des Einzelnen, souderu auch der Völker, so weht uns ein gar eisiger Hauch der Kälte au. Wir gewahren allenthalben rauhes Unwetter, tosende Stürme: die Finsternis des Vorurteils, das Brausen der Leidenschaften, den Frost der Unduldsamkeit, das Eis des Hasses. Ein Gifthauch schnödester Verhetzung und Verleumdung zieht durch die Lande und die wilde, wüste Bewegung gegen Israel dringt immer tiefer und tiefer in die Volksseele. Je müheloser sich das Vorurteil bildet, desto fester sitzt cs in den Wahnvorstellungen der Bethörten. Das so oft als falsch erwiesene wird wieder und wieder als etwas Neues vorgetragen, ja sogar als eine rettende That gepriesen. So blieben denn die seit einer Reihe von Jahren alljährlich auftauchenden albernen und boshaften Märchen von Blutmorden auch diesmal nicht aus. Selbst in unserem Böhmen wurde jüngst unseren Glaubensbrüdern eine derartige furchtbare Anschuldigung zugeschleudert. So lange wurde ungestraft zum Haß wieder uns gestachelt, bis verheerende Fluth'en der wahnwitzigen Berfolgungswuth gegen sriedsame Bürger sich heranwülzten und dieselben au Leben und Gut bedrohten. Angesichts dieser verwirrenden Erscheinungen, die uns entgegentreten, forschen wir unwillkürlich nach der Bahn, welche uns als die beste erscheint, daß wir darauf wandeln und Ruhe finden für unsere Seelen. Was ist zu thun, was zu lassen? Sollen wir unsere gerechte Sache nicht als eine Stnmmesangelegenheit, sondern als Frage der Menschheit überhaupt ansehen und deshalb die Abwehr jenen Gutgesinnten außerhalb des Judentums, die ja Dank der gütigen Vorsehung bereits in allen Lagern anzutreffen sind uttb welch letztere unsere Gegner mit begreiflicher Entrüstung als Feinde der Gesittung im Allgemeinen bekämpfen, überlassen? Oder sollen wir nicht länger warten und bevor noch der Haß gegen uns zur Ruhe gekommen und die Versöhnung mit unseren Brüder» eintritt, die Bertheidignng unserer jungen Freiheit, die Wahrung unserer endlich, nach so vielen Kämpfen mühevoll genug errungenen Rechte selbstthütig in Angriff nehmen? Liegt aber in diesem Falle nicht die Vermuthung nahe, daß dadurch der Ingrimm unserer Wiedersacher nur noch zunehmen würde? Ist nicht die Gefahr zu envägen, daß man im Kampfe gegen das Niedrige sich selbst notwendigerweise erniedrigen möchte? Angesichts unseres Hin- und Herschwankens und der tiefbetrübenden geistigen Krankheit unserer Zeit erscheint uns gleich einer Sonne, deren Licht und Wärme spendende Strahlen das düstere Gewölk durchbrechen, die lichtumwobende Gestalt unseres Lehrers und Meisters Mose. Er sei uns Meister und Lehrer auch in dieser Stunde!- Bon ihm heißt es in dem heutigen, soeben verlesenen Thoraabschnitte. „Vajerecl Mosclieh min haliar el haam vajkatlescli es liaani" „Mose stieg vom Berge zum Volke herab und er heiligte das Volk." Wie einfach und schlicht ist dieser Satz der Schrift und dennoch enthält er eine Fülle von beherzigenswerten Wahrheiten, indem er den Gottesmann in seinem vollendeten