Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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224 betrachten. Loa» verlange ich denn? Ist es denn nicht gleich, ob du deine Ruhe und Heiligung am siebenten oder am ersten Tage hast? Alle Hochachtung vor dem Alten, Hergebrachten, aber wenn dieses in Collission gerät mit der Jetztzeit, wenn das Alte sich nicht mehr halten kann, dann darf die Pietät nicht über die bessere Einsicht siegen, dann soll das Alte schwinden und etwas Neues, Besseres wird cm seine Stelle gesetzt. Ich iveiß, nicht bin ich der Erste, der diese Neuerung verlangt, schon zu wiederholten Malen ertönte dieser Ruf. Aber gedrängt durch die staatliche Sonntagsruhe, gezwungen durch die soeiale Lage, ertönt gebietender denn je jetzt dieser Ruf, erheischt diese Forderung mehr denn je jetzt bedingungslose Anerkennung. Bon jeher sind die Neuerer, die oft das Beste der Ihren wollten, gehaßt worden. Auch ich bin im Voraus des Hasses sicher. „Was bleibt denn noch von unserer Religion?" ivird man mir entgegenschreien. Da sage ich: Eine Religion, die meine Neuerungen nicht ertragen kann, die vom Widersinn und einer zweifelhaften Pietät gehalten wird, darf fallen. Wenn sie durch meine Neuerungen zu Grunde geht, dann ist sie keines bessern Schicksals wert, und kalten Herzens würde ich ihr Totenlied singen. Aber gemach, die israelitische Religion sinkt deshalb nicht, sie kann nur steigen, zu neuem Leben ivird sie erweckt. Auf denn, wer kein Feigling ist, der folge mir! Der Einzelne und die Gesamtheit. Predigt, gehalten am 1. Tage des Wochenfestes 1893, von Tr. Emil Hofmann, Rabbiner in Reichenberg. „Also spricht der Ewige: Stellet Euch hin ans die Wege, betrachtet die Pfade, auf denen sich das Alltagsleben bewegt und forschet, welche die beste Bahn sei, daß ihr darauf wandelt und Ruhe findet für eure Seelen". (Jerein. 6, 16.) Wieder, wie vor Jahrtausenden, ergeht heute an uns dieser Ruf des Propheten. Nicht gleichgültig, nicht gedankenlos sollen wir uns in den Strudel der Zeit, in das Rollen der Begebenheiten stürzen, sondern das Leben stets als etwas höheres betrachten und uns bestreben, dessen leitende Gedanken zu erforschen und in Thaten umzusetzen. Nur ein Leben, dessen Inhalt von einem bestimmenden Grundgedanken erfüllt ist, kann einzig und allein Festigkeit und Entschlossenheit, Spannkraft und Wiederstandsfähigkeit verleihen. Deshalb müssen wir die wechselvollen Bestrebungen und Handlungen der Einzelnen, die mannigfachen Erscheinungen des öffentlichen Lebens, das Schwanken und Wogen der Gesellschaft mit unserem geistigen Auge durchdringen, um daraus sür unseren ganzen Lebensweg, für unser Empfinden und Denken, unser Schaffen und Wirken Richtung zu gewinnen, Belehrung zu schöpfen. Und welche Momente des Lebens wären zu solcher Selbstschau und vergleichender Betrachtung wohl geeigneter, als die Feiertage? Das ganze Jahr hindurch kämpfen wir um das tägliche Brod. Wir haben keine Muße, uns zu sammeln, uns zu vertiefen. Bald werden ivir durch unabtveisliche Störungen und Abhaltungen, bald durch selbstauferlegte Beschäftigungen allmählich uns selbst fremd. Nur bei einzelnen, besonders bedeiltsamen Anlässen, wie es die hohen Feiertage sind, tritt das Blühe» und Sorge» für das Irdische gegen jene höhere,