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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-10-01 · Heft 10 (1.10.1893) · p. Seite 223

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 10 (1.10.1893)
Date
1893-10-01
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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223 und der gelehrte Bruder erzählte ihnen, was das Herz erhellt und den Geist erquickt. Mit verhaltenem Atem horchten die kräftigen Gestalten auf den weisen Bruder und saßen und hörten, bis zur späten Mitternachtsstunde. So ward ihre Kraft verjüngt, ihre Schaffenslust erneut, und wenn des Tages harte Arbeit oft auch drückte, die Hoffnung auf dem Abend, da der weise Bruder sie belehrte, ließ ihren Arm nicht erschlaffen. So ging es Tag für Tag, Jahr für Jahr. Einst aber bei einer unendlich schweren Arbeit fiel es den Sechsen ein, harte Reden gegen ihren weisen Bruder zu führen. „Wir quälen uns hier," sprachen sie, „und unser Bruder sitzt daheim im trauten Zimmer und thut nichts. Was ist er mehr als wir?! Er soll uns bei unserer Arbeit helfen!" Sprachens und gingen heim und zivangen ihn zu schtverer körperlicher Arbeit. Seine zierlichen, weißen Hände wurden rauh, seine schönen Locken hingen ihm wüst um die hohe Stirne, fein Antlitz war bestäubt, und er, der die harte, körperliche Arbeit nicht gewohnt war, wurde schlaff und matt, und wen» er kaum die Schwelle des Hanfes betreten hatte, übermaiknte ihn der Schlaf. „Das ging so lang, so lang es ging." Nach vielen Wochen gedachten die Brüder der unvergleichlich genußreichen Abende, die der weise Bruder ihnen verschafft hatte und wie ihnen jetzt alles so schal nnd fade vorkäme. Sie rüttelten ihn in, Schlafe auf und sprachen: „Erzähle uns doch, weiser Bruder!" „Nur eins," antwortete er schlaftrunken, „kann ich, muß ich körperlich arbeiten, bin ich des Abends zu matt, um euch berichten zu können." Das sahen die Brüder ein, bereuten ihre Handlungsweise, baten den weisen Bruder um Berzeihung und ließen ihn bei seiner Geistesarbeit, die alte Lust, das alte Leben zogen wieder in ihrer Hütte ein. Du hast den Sinn dieses Gleichnisses verstanden. Nicht aber Uebermnt ist's mehr, wenn du den Sabbat nicht mehr inne hülst, eine zwingende Notwendigkeit ist's, und doch mußt du einen Ruhetag haben, deutscher Israelit, oder deine heilige Religion verliert ihren.Wert. Was thun? Ein banges Zagen ersaßt mich, eine tiefe Wehmut ergreift mich, da ich hier den Rat zur Abhülfe geben will. Ich weiß, was der Sabbat unfern Altvorderen gewesen ist. Die heißen Mühen der schweren Werktage ertrugen sie, Hohn und Spott ließen sie geduldig über sie ergehen, im und am Sabbate, diesem siebenten, weisen Bruder, fanden sie Erholung und Erquickung für Geist und Herz. Aber, deutscher Israelit, an der verwitterten Mauer deines Hauses ist ein Riß. Reiße das morsche Werk nieder und baue schnell, schnell eine neue Mauer ans, oder drin Haus stürzt über Nacht zusammen und bu und alle die lieben Deinen, die im tiefen Schlafe liegen, sterben eines schrecklichen Todes. Was haben denn jene Esra und Nehemia gethan, als sie die Religion des ans dem Exil znrückkehrenden Volkes festigen wollten? Neues setzten sie an Stelle des Alten, des Ueberlebten! Gebete und Gottesdienste richteten sie ein, den so heilig gehaltenen Opfercnltns erließen sie in allen Orten außer Jerusalem. Was haben denn Stein und Hardenberg gethan?. Sie beseitigten alte Rechte und Einrichtungen im Volksleben, imd schufen etwas Anderes, Besseres, „und neues Leben blühte aus der Ruine." So lasset denn uns auch, da nur nicht anders können, den siebenten Tag fallen und setzen wir den ersten als Ruhetag an seine Stelle. Kaum ist das Wort gesprochen, da höre ich schon das Zetergeschrei vieler Gegner. Was thue ich denn? Nehme ich dir den Ruhetag? Nein, ich will ihn dir geben. In Wirklichkeit feierst du den siebenten nicht mehr, wohl aber den ersten Wochentag. So laßt uns auch diesen als Sabbat, dem die ganze, hohe religiöse Weihe gebührt,

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