Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 222 — drängen ihn, heute i»ehr denn je der Tagesarbeit obzuliegen, der Labbat ist ihm zum heißesten Werktag geworden, keine Ruh, keine Rast. Wie aber kann die israelitische Religion fortbestehen, wenn ihr eine der wesentlichsten Institutionen genommen ist! Der Labbat ist für den Israeliten die Sonne, die allüberallhin Licht und Leben schickt, er ist die Lase in der Wüste seines qualvollen Lebens, auf der der Israelit nach mühevoller Wanderung den Durst seiner schmachtenden Seele loscht, er ist der Maientag, an dem du dich der Liebe freust, die wohlduftende Rose ist er unter Disteln und Dornen, dein weiser Lehrer ist er, du bist sein lernbegieriger Schüler. Nehmt dem Judentum seinen Ruhetag und ihr habt ihm alles genommen. Das wußten unsere Dränger, und darnach handelten sie. Ein neuer Dränger ist entstanden, und sein Name ist furchtbarer als der eines Haman, Titus oder Antiochns, Hunger ist sein Name. Tu deutscher Israelit, unser erhabener Kaiser hat die staatliche Sonntagsrnhe eingeführt, wahrlich, ein weises, großes Gesetz. Derselbe Geist, der einst Mose erleuchtet, als er die Sabbatruhe mit der Strenge des Gesetzes durchführte, hat unserem Monarchen dieselbe Institution eingegeben, derselbe Griffel schrieb beide Vorschriften, dieselben Gründe führte» beide Gesetzgeber zu diesem Gesetze. So ewig tvahr, so iveise ist das Gebot der Sabbatrnhe, daß dasselbe Staatsgesetz des alten Israel zum neuen Leben durch das kräftige Wort unseres erhabenen Kaisers erweckt worden ist. Von sieben Tagen muß der Mensch einen haben, an dem er ruhen, an dem er nach sechs Tagen mühevoller, körperlicher Arbeit den Geist zum Höheren richten kann, an diesem Tage wird er sich seiner Aufgabe als Mensch, als gottähnliches Wesen erst inne, er muß ihn haben, wenn er nicht unter der drückenden Last der Arbeit ohnmächtig erliegen will, er muß den Sabbat haben, oder er sinkt zum unvernünftigen Tiere herab. Nun denn, du deutscher Israelit, als Deutscher bist du verpflichtet, den Sonntag als Ruhetag anznsehen, du ruhst von all deinen Arbeiten, du und dein Knecht, dein Sohn, dein Weib und deine Tochter. Als Israelit sollst du den Sabbat beobachten. Nun frage ich dich und jeden recht gesinnten Menschen: Ist es möglich, daß in den jetzigen Zeiten, da die Bedürfnisse des Lebens so groß sind und der Verdienst so gering ist, daß der Arbeiter, der Geschäftstreibende der Stadt in der Woche zwei Ruhetage halten kann?! Wollte er es thnn, er würde seinem Ruin entgegengehen, er würde eine Schuld gegen sich »nd die Seinen ans sich laden. Das weiß er und darnach handelt er, der Ruhetag ist ihm ein Qnaltag geworden. Eine alte Sage summt mir in den Lhren, ich kann sie nicht bannen: Sieben Brüder waren es, sechs - kräftige Gestalten mit sehnigen Armen und starken Schultern - mühten sich von der Frühe des Morgens, wenn kaum die Sonne am Himmel anfgegangen war bis zum späten Abend da schon die Sternlein glänzten, im Schweiße ihres Angesichtes mit den schwersten, mühseligsten Arbeiten ab, keine Last war ihnen zu schwer für ihre Schultern, kein Weg zu lang, kein Berg zu hoch, kein Sommer zu heiß, kein Winter zu kalt. Der siebente Bruder aber, ein schwarzlockiger, schvnäugiger Jüngling mit gewölbter Stirn und klarem Blick, war indeß auch nicht unthätig gewesen. Seine Arbeit war auf dem Felde der geistigen Thätigkeit. In alten Schriften las er mit» wußte von den Thaten der Ahnen viel Erhebendes zu berichten, die Sagen Wichte er, die die Völker sich ans grauer Vorzeit erhalten haben, ihre Dichtungen, ihre Gesänge kannte er, von den Kräutern, Bäumen und Blumen, von den Sternen, von Gott lind Menschen hatte er Kenntnis. Kehrten die sechs Brüder nach gethaner Arbeit nun des Abends heim, da versammelten sie sich beim matten Scheine der Lampe,