Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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kann von Empfindlingen die Rede sein, wenn du nicht einmal das Wort, das kahle, nackte Wort verstehst? Macht denn das bloße Herleiern das Webet aus? Wird es doch erst durch unsere Andacht, dadurch, daß wir Wort und Sinn in uns erfassen und mit namenloser Allgewalt auf unsere Seele, ans unser Herz tvirken lassen, geheiligt! Diese innige Hingabe, dieses herzvolle Erfassen, ausgesprochen vor Gott, zu Gott, und diese Seelenstärkung, diese Herzenserqnicknng, diese innere Beruhigung, die diese Empfindungen hervorbringen, heißt beten. Drnm, deutscher Israelit, bete in den geheiligten Lauten deiner süßen Muttersprache, wenn anders du zu beten nicht verlernen ivillst und ein armer, bedauernswerter Mann ist der, der nicht beten kann. Geiviß ehrt dich die Pietät vor dem Alter, aber wenn der Mensch seine heiligsten Empfindungen einer anznzweifelnden Pietät zum Opfer bringt, dann wird diese an und für sich hvchzuachtende Tugend zu einem Laster, das tausend, tausend andere Laster im Gefolge hat. Tie wahre Pietät, dächt ich, konntest du in anderer schönerer Weise zeigen. Ein hoher Schatz von Weisheit, eine immer wahre Lehre birgt deine Thora, deine Bibel. Sie muß dich gelehrt werden. Kluge, einsichtige Männer, begabt mit Gervandheit der Rede, ehrbare rechtliche Männer bestelle für dein Gotteshaus, daß sie dich in den Weisheiten unseres unvergleichlichen Schrifttums unterrichten, damit hier der wahnwitzige Aberglaube, dort die stumpfe Gleichgültigkeit schwinden. Ter Jndifferentismus! Du ergehst dich in zitternden Jammertönen über ihn, beklagst ihn aus der Tiefe deines Herzens, nennst ihn einen unheilbringenden Giftpilz, der Krankheit und Tod bringt, einen Wurm, der an dem Marke deines Lebens frißt. Offenes Visier, du deutscher Mann! Züchtest Tn nicht systematisch diesen Wurm, giebst du nicht stündlich, täglich diesem Giftpilz neue Nahrung, ist deine ganze religiöse Einrichtung diesem Wurm, diesem Giftpilz nicht lebenerweckende Sonne, erquickender Regen und befruchtender Wind? Geiviß, der junge Mensch, der Mann kennt den Weg zum Gotteshanse nicht mehr, weiß nichts von seiner Religion, »vollen wir annehmen. Einmal im Jahre aber, veranlaßt durch diesen oder jenen Zufall, sucht er das Gotteshaus aus. Und was findet er? Eine Sprache hört er reden, die ihm fremd ist, keine Nahrung für seine hungernde Seele, kein Labsal für sein tvnndes Herz werden ihm dargereicht. Brot null er und du giebst ihm hartherzig einen Stein, nach einem frischen Trünke lechzet seine Seele, und du läßt ihn elendiglich verdursten. Matt und schlaff an Seele und Herz verläßt er das Gotteshaus, angeekelt von der Langweile. Was Wunder, ivenn er zu jener Stätte nicht wiederkehrt, als wenn Pflicht und Anstand es befehlen. Man setze aber anstatt der hebräischen die deutsche Sprache, man mache eine gute, wohldurchdachte Predigt, deren Schönheit nicht in stolzen Worten, nicht in leeren Phrasen besteht, zum Mittelpunkte des Gottesdienstes, und du entziehst dem Wurm, dem Giftpilz Nahrung, Sonne und Luft. Schütze dein Hans, du deutscher Israelit, Fenster und Thore sind geöffnet, und schon fegt der Sturm, der Vorbote des nahen Unwetters, durch Straßen und Gassen. Da wird mir aber entgegengeschleudert: „Hier und da und dort haben wir einen solchen Gottesdienst, und doch steht das Haus leer, doch krasser Jndifferentismus." Merkst du denn nicht, du deutscher Israelit, daß an deinem Hause der Eckstein fehlt, auf dem sich der Grundpfeiler des Gebäudes stützt. Wollte der Mann auch den Gottesdienst am Sabbat aufsucheu, die Bedürfnisse des Lebens