Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Luft dir rmtbcit, dir du atmest, dir Sprache zu sprechen dir verbieten, in der du dein ganzes Sein, dein ganzes Füllten und Denken anshauchst, dir deinen Charakter, deine deutsche Treue, deine Chrliehkeit nehmen will, wer dir des Paterlandes geheiligten Boden unter den Füßen wegziehen, wer dich vaterlandslvs machen will, schlimmer als ein Mörder erscheint er in deinen Augen. - - Wirklich? Isis wirklich so? liebst du in Wahrheit dein Paterland, dein deutsches Vaterland? Aber du betest „erbaue Jerusalem, bald in unseren Tagen," „führe uns zurück zu unserem Lande!" Dir bist ein deutscher Israelit, drnin frei und offen mir ins Auge geschaut, und ehrlich gekämpft du deutscher Mann! Ein Ideal ist damit gemeint, ruft mir der Gegner zu. Ideal? welches Ideal kann denn damit gemeint sein? Mit einem Gleichnis, mit einem bilderreichen Worte kannn ich wohl ausdrücken, was ich in Wirklichkeit nicht meine. Aber hier in deinem Gebete, wo ist da ein Gleichnis. Zudem aber, das Gebet wie jedes geschriebene Wort kann doch nur den Sinil bergen, den der Verfasser nnzweideickig damit ansgedrückt hat! Tausend Eide aber seien geschworen, geschworen in der schwersten und heiligsten Stunde unseres Lebens, der Verfasser jenes (Gebetes hat den Wunsch so gemeint wie er ihn niedergeschrieben hat. Ja er hat ihn nach Lage der Sache nicht anders meinen könne». In jener Feit war in Wirklichkeit der Jude vaterlandslos, und die Sehnsucht zur Urheimat bewegte sein ganzes Empfinden. Jetzt aber betest du noch dasselbe? Ich weiß wohl, du denkst dir nichts bei diesem von dir selbst nicht verstandenen Gebete, und meint du den Sinn verstehst, du fühlst nichts dabei. Merkst du denn nicht, ivelcher Hohn und Spott in diesem «elbstgeständnis liegt. Wenn du in Wahrheit den Wunsch hegtest, nach Jerusalem znrückzukehren, müßte dir da die Schamröte nicht dein Gesicht färben, müßtest du dich nicht vor dir selbst, deinem Gotte und deinem Patcrlande schämen?; Aber wozu der Eifer? Ich weiß, du denkst und empfindest nichts bei diesem Gebete. Traurig, tiefbeschämend für dich, du Deutscher, du Israelit, dein Mund spricht Worte und deinem Sinne sind sie fremd, dein Herz weiß nichts von ihnen! O, dn treibst Spott mit deinen Gebete, mit deinem Gotte, du sündigst, frevelst, da dn dich entsühnen sollst, ein Thor und ein elender Narr, ein schnöder Verleumder und ehrloser Betrüger bist du in deinem Gebete, — in deinem Gebete, schäme dich du deutscher Israelit. Wenn diese Worte dir an's Ohr klingen, merze mit der Hand aus, was dein Herz schon längst als totes Wort betrachtet hat! Du denkst nichts bei jenen Worten, fühlst nichts — gewiß, leider gewiß. Aber dein Feind liest sie, und den BeiveiS für ein Verbrechen findet er darin und hält ihn dir stündlich und täglich vor, wie willst dn dich rechtfertigen? Mit der Reinheit deines Herzens, was klar und offenbar in deinen heiligsten Worten ausgedrückt ist? Er liest jene Worte, und eine Waffe schmiedet er daraus, scharf und geschliffen, und wohin er mit ihr schägt, Tod und Verderben ringsum. Vertilge jene Worte, sie, die dem llr-Urahn ein Trost in banger Stunde geivesen, sind ein Hohn und Spott, ein Verbrechen sind sie für dich! Schütze dein Haus, deutscher Israelit, hier und dort fehlen schon lange die Ziegel deines Daches, und Sturm und llnwetter sind so nahe! Du bist ein deutscher Israelit! Du betest aber in einer fremden Sprache, die du nicht verstehst. „Ans Pietät," sagst dn, „weil unsere Ahnen in ihr gesprochen, weil das Buch aller Bücher in ihr geschrieben ist!" Erklären könnte ich mir diese Pietät, wenn du die Gebete verstündest. Beten heißt doch wohl, seine heiligsten Gefühle, seine innersten Empfindungen vor Gott ausdrücken. Wie aber