Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1893-10-01 · Heft 10 (1.10.1893) · p. Seite 219

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
13 (1893)
Issue
Heft 10 (1.10.1893)
Date
1893-10-01
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969795-2969806--3967-2973528
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

21!) Hand an's Werk zu legen, ist dein Haus, darin dein Leben und deine Liebe wurzelt, der Gefahr ausgesetzt, Sturm und Wetter preisgegeben. Laß dir raten, du kurzsichtiger Freund! Du bist der Freund, deutscher Israelit! „Deutsch" nenne ich dich, denn deutsch bist du, deutsch im Denken und Empfinden, im Wollen und Vollbringen. Selbst dein Feind rühmet neidisch dir deine Familienliebe, der Kinder Ehrfurcht vor den Eltern, nach. Nun denn, wenn selbst der Feind nicht leugnen kann und will, bedarf es da noch des langatmigen Beweises? Hier aber aus diesem Keime entsproßt die ehrbare Eiche deines Deutschtums! Die Mutter liebst du, den Vater ehrst du. Nur die Liebe allein, die stumme Liebe deiner Eltern entflammt dein Herz zu hoher Gegenliebe? Nein, die Mutter war's, die ihre heiligsten Empfindungen in dem süßen Wohllaut der Sprache ausklingen ließ, die ihre ganze Liebe in ihren Worten ausdrückte. Drum, deutscher Israelit, wenn du die Mutter ehrst, solltest du da nicht die Liebe zur Muttersprache erhalten haben. O ja, sie ist dir wert und teuer, und alles, was Schönes in ihr gesprochen ist, du suchst es zu erforschen und zu erfassen mit der ganzen Wärme deines Kindesherzens, mit der ganzen Stärke deiner Seele. Wenn du die Eltern ehrst und achtest, liebst du dann iricht jene Stätte, wo du geboren, wo der Eltern zarte Liebe deine Schritte überwacht, loo du die treuen Gespielen und all die trauten Freunde deiner Kindheit und Jugend gefunden hast? Wenn nun diese deine Freunde, deine Schulgenossen, wenn dein Lehrer, wenn die Sprache und alles, was das deutsche Kind gelehrt wird, deutsch ist, deutsch an Inhalt, deutsche Lehren, deutsches Wesen, nun denn, sollte da weniger das Deutschtum auf dich gewirkt haben als ans deinen christlichen Nachbar, solltest du weniger Liebe als er zur Heimat in deinem Herzen aufnehmen können, sollte die Lehre von der Liebe zum Vaterlande nicht ebenso tief Wurzel bei dir schlagen wie bei ihm, solltest du nicht ebenso wie er in jugendlicher Begeisterung, für's Vaterland entflammt, den Schwur flir's ganze Leben leisten, Gilt und Blut, Leib und Leben für unser deutsches Vaterland hinzugeben? Doch wozil sag ich dir dies? Weißt und fühlst du doch selbst, du deutscher Israelit, daß du mit all den Fasern deines Herzens an deinem deutschen Vaterlande hängst! Darum ist dein Zorn erklärlich, wenn dir dein Feind verächtlich zuruft: „Du bist kein Deutscher!" Da bäumt sich dein ganzes Innere gegen den frevelnden Beleidiger ans, deine Wangen färben sich rot vor Entrüstung, du ballst deine Faust, um den Elenden zu zerschmettern. Dein Zorn ehrt dich, du deutscher Israelit! Vieles kann der Mann ertragen! Hab und Gut wird ihm genommen, da ist er wohl bekümmert um das Wohlergehen der Seinen und seine Zukunft, aber die Hoffnung wieder zu gewinnen, was er verloren, die Freude am Schaffen und Wirken lassen ihn nicht in inüßiger Selbstbeschauung dahinleben, kräftig greift er zu, nicht Hitze, nicht Kälte fürchtend, immer rüstig, immer froh und siehe, gesegnet ist die Arbeit. Der unerbitterliche Tod kann mit kalter Hand dir dein Liebstes von deiner Seite rauben, untröstlich bist du, keinen Balsam scheint es für deine klaffende Herzenswunde zu geben, aber sieh, nach des Winters rauhen, kalten Tagen kommt ein milder Frühling und neue Keime sprossen aus deinem Herzen, junge Liebe blüht auf und du hast wieder, was du verloren hast. Im Leichtsinn kannst du einen Fehltritt thun und die Ehre - dies köstliche Gut — scheint verloren. Aber das Leben ist lang, lebe ehrlich und rechtschaffen auf dem Wege hin, und die Welt und du selbst vergißt, was einstens du in schwacher Stunde gethan hast. Aber wer dir dein Vaterland nehmen will, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.