Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1893)
- Date
- 1893-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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21« Himmel an würziger -Straft, an Augenweide, an Stärkung für Geist und Körper geben können, der Mensch Kifft’* auf sich wirken, ein Neugeborener ist er nach dieser bangen Stunde, da der Himmel, gegen die Erde zu wüten schien, um neues Leben itttb Gedeihen zu erwecken. Deutscher Israelit, auch an dem Himmel deiner Freiheit ziehen sich dunkelgrausige Wolken zusammen. Das Donnergervll hörst du von ferne, aber naher ist das Unwetter, als du es wähnst. Wenn du die (beschichte unserer Altvorderen durchblätterst und hörst von den Qualen und Verfolgungen, von dem Hohn und Spott, die sie erdulden mußten, von dem tierischen Wüten des blinden Pöbels gegen sie, von den gewissenlosen Hetznnb Schlagworte», die der elende Verleumder über unsere geknechteten Ahnen in die sanatisirten Vvlksmassen warf, wenn du vernimmst, wie sie angespieen, gefoltert, gemartert und geschunden ivnrden, da stockt dir dein Blut in den Adern, ob all des Wehs, das jene erlitten, da quillt dir die laug zurückgehalteue Thräne aus dem Auge, und dein bang im Busen gepreßter Schmerz wird durch die Thräne gemildert. Das Weh entflieht, denn den Blick deines Geistes hast du von der grauen Vorzeit, vom finstern Mittelalter weggewandt, du schaust die Gegenwart, da segnest du dich und thnst groß und sprichst: „Wir haben es doch so herrlich >veit gebracht in unserem Jahrhundert der Aufklärung, dem Jahrhundert der goldenen Freiheit!" „Bis an die Sterne weit!" möcht ich dich mit Faustns höhnen. Hältst du dieses dunkle Wölkchen am Himmel nicht für gewitterschwere Wolken? Die Schwüle des Tages drückt, ermattet und erschlafft, und da ein dunkles Wölkchen, und dort droben hinter den Bergen das dumpfe Rollen, und du wähnst noch, du wärest vor Sturm und Wetter sicher? Fünshunderttausend Stimmen deutscher Männer haben die antisemitischen Candidaten aus sich vereinigt, des größten Zuwachses von allen Parteien rühmen sie sich. Schwerer noch als alles dieses fällt in die Wagschale die Wahl eines Ahlwardt, der das Mal der Aechtnng und Verleumdung an' der Stirne trägt. Die Wahl eines Ahlwardt zum Volksvertreter, inid diese Wahl, vollzogen am Ende unseres Jahrhunderts der Aufklärung und Freiheit, ist für den edlen Menschenfreund ein unheilbares Herzeleid, ein unsäglicher Schmerz für den Denker, Forscher und Seher, und sie ist schwerwiegender, als des Pöbels Einfall in das abgeschlossene Ghetto. Wegen der Anklage des rituellen Mordes ist das Blut unserer Ahnen in Strömen geflossen, aber eine solche Anklage, vertreten von dem ganzen hohen Ernste unserer Justiz, eine solche Anklage in unserem Jahrhundert ist bedauerlicher als Scheiterhaufen und Martertod! — Was thut aber der besorgte Hausvater, wenn Sturm und Wetter naht? Vorsichtig verschließt er Luke und Fenster, Dach und Fach! Besieh dein Haus, deutscher Israelit! Hier fehlt ein Dachziegel, dort gar der Eckstein, hier sind verwitterte jMaueru und dort sind Fenster und Thüren geöffnet. Hör' aus die Warnungen deines treuen Nachbars und Freundes, bessere die schadhaften Stellen deines Hauses aus, verriegle Thür und Fenster und statt der verwitterten Mauer baue eine neue auf, frisch und rüstig. Oder willst du warten, bis die dräuenden Wetterwolken sich über deinem Hause entladen? Sprich nicht, so wie ich das Haus von meinen Eltern ererbt habe, soll es bleiben für alle Zeit! Ehrsam die Pietät, aber thöricht die Ausübung! Es bleibt ja immer noch dein Vaterhaus, du siehst noch immer die Stätte, ivo dich der Eltern große Liebe umfing, dieselbe Stätte ist's, wo du die heiteren, glücklichen Tage der Kindheit verlebtest. Nicht thöricht gehandelt! Gerade, wenn du versäumst, frisch die