Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
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201 Und diese Reform ist dringlich, wir sind sie uns, unfern Kindern, unserm Deutschtum, unserm Judentum schuldig. Es sei mir gestattet, hieran, als wiederholten Versuch, eine deutschjüdische Reform Partei ins Leben zu rufen, folgende, zum Teil bereits 1886 in dem Schiftchen: „Die Juden jetzt und einst" veröffentlichte Grundzüge dieser Partei anzuschließen. 1. Das Bekenntnis zum Judentum soll und wird sich so lange erhalten, als das zum Christentum, das zwar sittlich ihm entsprang und entspricht, aber dogmatisch und geschichtlich seinen Gegensatz bildet. 2. Das Judentum hat sich geschichtlich aus einer religiösen Bolksgenossenschaft in eine Religionsgenossenschaft entwickelt, deren Ausgangspunkt ist: Einheit ©otteS1 2 3 4), Sittlichkeit^) und Menschenliebe^), deren Ideal und Endziel ist: die messiauische Zeit^) der Humanitätsreligion. 3. Die Resormpartei, deren Keime bereits im talmudischen und rabbinischen Schriftschatz r>) angedeutet sind, bildete sich seit Ausgang des vorigen Jahrhunderts, mit dem allmächtigen Eintritt der Juden in die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte, aus. Diese Reformpartei faßt das Judentum geschichtlich als Leidensgenossenschaft, dogmatisch als Uebergangsstufe zur Jdealreligion der Zukunft auf. In der geschichtlichen Auffassung des Judentums als Leidensgenossenschaft, die heutzutage schärfer als je empfunden wird, steht die Reformpartei mit den Offenbarungs-, Talmud- und Schulchan-Aruch-Gläubigen (namentlich also in Liebeswerken zur Milderung und Beseitigung jener Leiden) auch in Zukunft zusammen; dagegen scheidet sie sich von ihnen naturgemäß in der dogmatischen Auffassung. 5. Da ihr Bibel und Talniud nur wertvolle Schriftschätze, nicht unfehlbare Grundgesetze sind, lehnt die Reformpartei ab: a alles asiatische und orientalische Gebrauchtum, b die hebräische Sprache als Gebetssprache wie als Zweig des Religionsunterrichts, c die Zeitrechnung nach dem Mondenjahre, cl die chauvinistische Betonung der Erwählung Israels, e die bisherige Art der Sabbath- und Festfeier, durch Verlegung der Ruhe- und Festtage (unter Beibehaltung der ihnen, wie z. B. dem Neujahr und Versöhnungstag innewohnenden sittlichen Bedeutung) auf die — zu bürgerlichen gewordenen — christlichen Sonn-, Fest- und Bußtage, f die Beschneidung aber auch die Taufe. 6. Mit ihren christlichen Mitbürgern steht sie sittlich und national auf gleichem Boden. 7. Hieraus ergiebt sich folgendes positive Programm: ') Adonaj echocl! (5. B. M. 6. 4) Aehdus haboreh (Einheit des Schöpfers) Hasckkacha peratijus (Vorsehung über da§ Einzelgeschick). 2) Kedoschim tiheja! (Seid heilig!) 3. B. M. 9, 2. 3) Weahowto lereacha kamocha (Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, als dir gleich) 3. B. M. 19, 18. 4) Jemosch hamoschiach. ö) Hillel: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das ist die ganze Lehre. Aufhebung der auf Palästina bezüglichen Gebote. Ls laassos ladonoy heferu torasso. (Gilt es Gott, hebt seine Lehre auf.) Dina demalchussa dina. (Landesgesetz geht vor). Gottes Gesetze sind nicht Engeln, sondern Menschen gegeben. Erlauben ist besser als verbieten u. s. w.