Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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200 vollberechtigte Staatsbürger geworden? Und legt dieser Umschwung keine Pflichten auf? Ist es denkbar, daß ein freier, gleichberechtigter Bürger des deutschen Reichs sich in die Ghettostimmung der früheren Jahrhunderte zurückversetzen könne? Wohl suchen uns die Antisemiten dahin zurückzudrücken, aber es wird das ihnen nie gelingen, wenn wir nicht selbst uns ihnen darin zur Verfügung stellen. Nicht um Aufgabe des reinen, lauteren, hehren Gottesideals und Sittlichkeitsbegriffs, wie sie unsere Quellen schon enthalten, wie sie unsere größten Lehrer und Führer aller Zeiten bethätigten und heischten, handelt es sich. Gott bewahre! Dies Kleinod wollen und müssen wir erhalten, uns, kommenden Geschlechtern, der Menschheit. Wohl aber ist Aufgabe alles dessen erforderlich, was Ansatz ist trüber Zeiten, was Beiwerk ist, was veralteten Anschauungen entspringt. Und dazu mahnt uns, zwingt uns: — die Zukunft: Blickt auf die Kinder und Kindeskinder. Was soll aus ihnen werden? Sollen sie Juden bleiben? Könnt ihr es verbürgen? Viele sind rasch fertig mit der Antwort: dem Nein. Sie lassen ihre Kinder selbst taufen, d. h. sie geben ihnen, was sie für sich ablehnen. Sie geraten damit in einen gefährlichen' Cirkel. Entweder halten sie das Christentum für etwas Besseres, Höheres, Edleres als das Judentum, oder umgekehrt. Im ersteren Fall widersprechen sie sich selbst, da sie für sich verschmähen, was sie den Kindern gewähren. Im letzteren Fall handeln sie pflichtwidrig, da sie den Kindern ein Gut entziehen, das ihnen noch wert ist. Noch Andere denken wohl ihr Leben lang nicht darüber nach, ob ihre Kinder und ihre Nachkommen Juden bleiben. Ich fürchte, daß gerade von den Strenggläubigen, von den in alten Brauchtümern sich Ergehenden Viele zu diesen Nichtdarübernachdenkenden gehören. Wer aber aus seinem Leben, aus der Geschichte, aus dem Studium des jüdischen Schriftschatzes, die Ueberzeugung gewonnen hat von dem tiefen sittlichen Gehalt des Judentums, seines erhabenen Begriffes von Gott, als dem liebenden Vater aller Menschen, seiner allgemeinen Menschenliebe, — wer sich umblickt in dem Treiben unserer Zeit, wer scharf nachforscht nach der letzten Ursache aller der Unzufriedenheitsgebrechen, des Pessimismus, des Nihilismus, des Materialismus, des Anarchismus, an denen sie krankt: der kann sich der Ueberzeugung nicht erwehren, daß im Judentum der gesunde Kern steckt, aus dem sich dereinst eine glücklichere, bessere, zufriedenere Zukunft zu entwickeln vermöchte, der muß wünschen, daß seinen Kindern und Kindeskindern auf so lange, als sich nicht jener Kern der Humanität zur Welt erlösenden Weltreligion entwickelt hat, sein Judentum auch ihr Judentum bleibt, aber freilich von den barbarisch uns anmuthenden Archaismen und Asiatenbräuchen befreit. Unsere Kinder und Kindeskinder erziehen wir und die werden erzogen zu guten Deutschen, wir reichen ihnen von dem Nektar der vollen Bildung unserer Zeit, wir wünschen, das ihre gesetzliche Gleichberechtigung auch eine thatsächliche, gesellschaftliche, vollständige, unangefochtene, selbstverständliche werde. Sie sollen auch, was uns größtenteils, gegen Gesetz und Recht, versagt ist, sein und werden: Staatsbeamte, öffentliche Lehrer, Offiziere u. s. w. Kann man von ihnen erwarten, daß sie das Judentuni mit den Ghetto- Schlacken, mit den Orientalismen, mit dem fremdsprachlichen, unästhetischen Beiwerke fortüben? Müssen wir nicht fürchten, daß sie, von der Schale angewidert, auch den Kern fallen lassen? Es ist höchste Zeit dem Einhalt zu thun, höchste Zeit dafür zu sorgen, daß wir endlich deutsch und jüdisch im Ebenmaß werden, indem wir vom Judentum alles das oblegen, was Außenwerk, was veraltet, was orientalische Ueberlieferung, was mittelalterliche Leidenszuthat ist.