Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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. ,' / <- I . — 199 — nein auch geistig, es schädigt die Hassenden wie die Gehaßten, es gefährdet die Sittlichkeit, es hemmt die Bestrebungen der Besserdenkenden. In dieser Zeit lassen sich in jüdischen Kreisen Stimmen hören, die gerade so zu einer Rückkehr in vergangene und vergessene Zeiten der Unkultur mahnen, wie das auf christlichem Gebiete ja auch geschieht. Die romantische Sehnsucht nach mittelalterlichem Halb' und Ganzdunkel wird hier wie dort vernehmbar. Das Apostolikum dort, der Schulchan Aruch hier, sind die Loosungsworte. Zum Mindesten hält man auf jener am Althergebrachten hängenden Seite gerade jetzt nicht für angebracht, Reform und wieder Reform zu betonen. Welch ein Irrtum! Ja, es ist ein Irrtum, jetzt von Rückkehr zu veralteten Bräuchen, jetzt von Verzicht auf Reform zu reden. Ein Blick auf die Zeit in der wir leben, auf die geschichtliche Entwicklung, auf unsere Kinder, also eine eingehende Berücksichtigung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mahnt dringend und drängend zur Reform. Die Vergangenheit: Was war das Judentum, was ist es geworden? Was waren die Juden, wie haben sie sich entwickelt? Können und dürfen wir in Abrede stellen, daß unsere Gottes- und Weltanschauung sich im Laufe der Jahrtausende und Jahrhunderte geläutert, gehoben, veredelt hat? Es geht dem Judentum und den Juden nicht allein so. Man lese und vergleiche die Kirchengeschichte, prüfe, was auf den Kirchenversammlungen den Gegenstand der erbittersten Fehden bildete. Noch heutzutage: welch' ein Unterschied ist in dem Lehrbegriff vom Christentum eines Hengstenberg und dem eines Schenkel, eines Harnack, Schwabe u. s. w. Die Gottes-Idee, die sittliche Weltanschauung des Judentums, war wohl von den Zeiten der Propheten ab eine reine, eine lautere; aber die zahllosen, kleinlichen Ge- und Verbote, die im Laufe langer Leidensperioden sich immer mehr ausbildende Märtyrerstimmung verleitete zu einer verkehrten Lebensauffassung, zu einer ängstlichen, sklavischen Unterwürfigkeit. Die Armen, durch die Außenwelt gewöhnt, in fortwährender Angst und Bedrückung zu leben, denen jeder raublustige Ritter, jeder fanatische Mönch, jeder habgierige Bürger seine Uebermacht fühlen ließ, suchten und fanden zwar ihren einzigen Trost, ihre einzige Erhebung in der Religion. Aber es war psychologisch erklärlich, daß sich ihre Angst vor Menschenmacht auch auf ihre Gottesanschauung übertrug, daß sie, willkürlich von Menschen be- und mißhandelt, auch die Ungnade Gottes fürchteten, wenn sie das kleinste der ihm zugeschriebenen Ge- und Verbote gering achteten. So entwickelte sich jene Anschauung in den Köpfen der Ungebildeten, die nicht das Verhältnis zu Gott wie das, in unseren Religionsquellen scharf betonte, in unseren Gebetbüchern ausdrücklich wiederholte: der Kinder zum Vater, — sondern wie das der Knechte zum Herrn, der Rechtlosen zum Sultan auffaßte. Und an den Nachwirkungen dieser mißverständlichen Gottesanschauung dieses äout-äes Wesens, der irrtümlichen, unbewußt, gotteslästerlichen Meinung, als ob man die Gottheit durch Beten, Fasten und Brauchtümer erfreue, versöhne, sich geneigt mache, — leiden wir vielfach noch heutzutage. Die Gegenwart: Ich sehe ab von de» antisemitischen Verdunkelungen der letzten 15 Jahre. Ist die Gegenwart, ist dieses Jahrhundert für die Juden in Deutschland mit irgend einer vorgeschichtlichen Zeit zu vergleichen? Ist es nicht ganz anders, weit lichter geworden? Sind nicht die einst als Fremde, als Kammerknechte, als Schutzjuden abgesperrten Juden gesetzlich, schreibe gesetzlich