Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Augen nicht an Wert gewinnen, daß auch eine andere, weit mächtigere und zahlreichere Religionsgenossenschaft ähnliche orientalische Altherkommen hat, ebenfalls in toter Sprache betet. Der Rest unserer Glaubensgenossen der sich mit dem althebräischen Cultus und Ritus behagt, zerfällt in das alte Geschlecht der naiven Anhänger am Ueberlieferten, in die kritiklosen Gewohnheitsbeter und in die Scheinfrommen, die aus den verschiedenartigsten, mehr oder weniger durchsichtigen Gründen zwischen Theorie und Praxis, zwischen äußerlichem Brauchtum und innerlicher Meinung unterscheiden. Es verhält sich gewiß ganz ähnlich auch auf fremden Religionsgebieten. Aber das darf uns die Sonde der Kritik nicht aus den Händen reißen. Ich finde den Hauptgrund für die leider zum Teil wirklich vorhandenen Mängel im geschäftlichen, gesellschaftlichen Gebühren vieler Juden darin, daß ihnen die Religion zu einer kalten Formensache geworden ist. Der Riß zwischen den Anforderungen des Lebens, zwischen den Anschauungen der Zeit und den religiöse» Vorschriften und Bräuchen ist klaffend geworden. Für diejenigen nun, die die Religion in der Uebung von Bräuchen» in den überlieferten tausenderlei Absonderungsvorschriften zu finden meinen, in dem Außenwerk, im Gefäß, statt im reinen Gehalt, für die droht mit dem heutzutage mehr und mehr notwendig gewordenen Bruch mit jenen Ueberlieferungen auch der letzte nwralische Halt verloren zu gehn. Andere, denen sie noch liebgewonnene Gewohnheiten verblieben sind, werden durch sie verleitet, sich in ein verkehrtes Verhältnis zu Gott und Menschen zu setzen. Zu Gott — indem sie wähnen, verführt zu werden, mit dem Beten, Fasten und Meiden verbotener, unschuldiger Lebensgenüsse, mit dem Schächten und Beschneiden, mit der Erlernung der hebräischen Sprache und ihrer Anwendung im Gebet, ein gottgefälliges Werk zu thun, indem sie vermeinen, sich Gottes Gnade und Versöhnung durch derartige Uebungen verschaffen zu können. Menschen gegenüber verführt diese Tonlegung auf Aeußerlichkeiten, auf Absonderungen und Absonderlichkeiten zu Hochmut, zum Besserwissenwollen, zum Prunken mit Auserwählung, zu Chauvinismus und Fanatisnius. Wie leicht schädigt diese Aeußerlichkeit die Innerlichkeit, wie nahe liegt die Gefahr, daß der sich fromm Dünkende sich über den von ihm für unfromm Gehaltenen überhebt, glaubt besser, weiser, bevorzugter zu sein als jener, und wie rasch führt diese Einseitigkeit zu der weiteren, diese geträumte Besserstellung zum eignen Vorteil auszunutzen, den Minderfrommen zu schädigen, zu strafen, zu überlisten, zu übervorteilen! Ich brauche wohl kaum nochmals hervorzuheben: im Wesen des Judentums, im Sinne und Geiste seiner Lehrer und Mehrer, der großen Dichter und Denker aus den verschiedensten Jahrhunderten, von den Psalmisten bis auf unsere Tage, liegt dieser Mißbrauch nicht. Aber alle die Aeußerlichkeiten, alle die mumienartigen Reste vergangener Zeiten und Sitten, die mit deni Kern des Judentums gar nichts zu thun haben, mißleiten zu solchen Einseitigkeiten und Mißverständnissen. Wir leben heutzutage — und seit fünfzehn Jahren — in Deutschland, hier mehr dort minder, in einer trüben Zeit: das Nebel des Antisemitismus, dieser krankhaften Erscheinung, dieser schlauersonnenen Irreführung der Volksseele nach dem machiavellistischen Rezept des divide et impera, schädigt nach allen Richtungen. Es vergiftet unser Leben nicht blos beruflich und gesellschaftlich,