Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 13 (1893)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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197 Gottes sich der Menschheit durch diese und in dieser offenbarte — sie ist spurlos an den Fromm- und Altgläubigen voriibergegangen, und nach wie vor wird nach alten gelehrten Grundsätzen mit eigens zubereiteter Tusche auf der zur Rolle zusammengenähten Eselshaut geschrieben, was man correcter und faßlicher druckt und liest. Und dies Puppenspiel mit den kunstvoll hergestellten Thorarollcn, dies Oeffnen und Schließen des zu ihrer Aufbewahrung dienenden „heiligen" Schrankes mit den für unseren heutigen Bildungsstandpunkt geradezu frivol anklingenden Bibelworten „auf o Gott vertreibe deine Feinde, und als er ruhte, sprach er" ist wahrlich bezeichnend für den ganzen äußerlichen, einer vergangenen Zeitanschauung angehörigen Cultus aus der Kindheit des Judentums, dem dieses in seiner geistigen Tiefe längst entwachsen ist. Der Schmetterling legt aber das Puppenkleid ab. Die Mehrzahl unserer Glaubensgenossen hängt noch an diesem, als an einem Heiligtum. Frivol — ich stehe nicht an, das harte Wort auszusprechen — frivol verhalten sich viele Glaubensgenossen, sowohl die den Gottesdienst meiden, als die ihm anwohnen. Ja, unser Gottesdienst in der dermaligen Gestalt gibt vielfach dazu Anlaß. Wenn ich es nicht aus dem Munde von Synagogenbesuchern hätte, das Geständnis, daß sie in die Synagoge gehn, eine Predigt hören, um sich zu amüsiren, denn Erbauung brauchten sie nicht, das Benehmen, die Haltung Vieler von ihnen würde es mir belegen. Wie selten, wie vorübergehend finden das Herz, der Geist volle Befriedigung, ist wahre Andacht zu finden. Mag sein, daß sie in altorthodoxe Gemüther einkehren, daß dort, wo die naive Nachempfindung dessen, was Jahrhunderte hindurch die Vorfahren beseelte, sich noch gemüthlich erhalten hat, auch Andacht und Befriedigung zu finden ist. Die Mehrzahl unseres kritisch angelegten Geschlechts muß den Zwiespalt empfinden zwischen veraltetem Herkommen und dem dringenden Zeitbedürfnis. Ihr ist es unmöglich, in hebräischer Sprache inbrünstig zu beten, weil sie nicht die Sprache ihres Denkens, ihres Fühlens ist. Was die hebräische Sprache für die Wissenschaft, für die Poesie ist, das steht auf einem ganz anderen Brett, das kommt hierbei gar nicht in Betracht. Ich möchte keinen Deutschen jüdischen Bekenntnisses, der Anspruch darauf macht, auf der Höhe wissenschaftlicher Bildung zu stehen, von der selbsteigenen moralischen, wissenschaftlichen Verpflichtung freisprechen, der hebräischen Sprache näher zu treten. Denn die Unbekanntschaft mit ihr würde ihn eines wissenschaftlichen Genusses berauben. Die Kürze und Schönheit dieser Sprache ist bewundernswert. Aber eine Volks-, eine Religionseine Gebetssprache ist sie nicht, nicht mehr. Und je früher unsere Gotteshäuser, unsere Religionsschulen dies anerkennen und zum Ausdruck bringen, je rascher der Zwang zur Erlernung der hebräischen Sprache aus den Religionsschulplänen verschwindet, je entschiedener die Deutschen jüdischen Bekentnisses ihre Muttersprache deutsch auch zur Sprache ihrer Gebete, ihres Religionsunterrichts machen, um so schneller geht die wünschenswerte Umwandlung der Jüdisch-Deutschen in Deutsche jüdischen Glaubens vor sich, um so sicherer werden beide Eigenschaften, die deutsche und die jüdische gewinnen. Jetzt herrscht noch in großen Kreisen eine Ungewißheit, eine Halbheit, ein Zwiespalt zwischen der deutschen Zugehörigkeit und der jiidischen Abstammung, der über das eigentlich religiöse Gebiet hinaus sich unangenehm geltend macht. Die Mehrzahl der Gebildeten ist dem Gottesdienst entfremdet. Nicht oder doch nicht ausschließlich aus religiöser Erkaltung, sondern aus berechtigter ästethischer Abneigung gegen die Altertümlichkeiten, die dadurch in ihren